Soundtrack 2014, erste Hälfte

Ich hab ja neulich schon einen kleinen Ausblick auf einiges gegeben, worauf ich mich musikalisch im zweiten Halbjahr 2014 freue. Aber auch die erste Jahreshälfte hatte schon ein paar richtig gute Tracks und Alben zu bieten. Konzerte sowieso, aber darum geht es hier jetzt mal nicht.

Sondern um Hits, Hits, Hits. Oder so. Starten wir mal mit einem Mann, der möglicherweise leicht einen an der Mütze (oder in seinem Fall am Hut) hat, aber seit über zehn Jahren regelmäßig Meisterwerke raushaut, ob nun solo oder mit Band: Jack White. „Lazaretto“ heißt sein neues Album, und es ist: Wow! Eigentlich erwartet man genau so etwas von diesem schrägen Exzentriker an der Gitarre, und dennoch wird man von soviel Ideenreichtum manchmal weggeblasen. Neben bratzigen Gitarren kommen auf einmal irre Klänge aus der E-Violine von links, von rechts klimpert ein Klavier rein, das klingt, als wäre es 1876 in einem Saloon aufgenommen worden. Und noch viel mehr. Man ist fast froh, dass es zwischendurch auch mal „ruhigere“ Stücke gibt, sonst hätte man nach 11 Tracks eventuell Schnappatmung. Es ist ein Erlebnis, ein Fest! Anspieltipps: „Three Women“, „Lazaretto“, „That Black Bat Liquorice“.

Wirklich ruhig geht es dagegen auf dem per Kickstarter finanzierten Album (PS: Ich gehöre auch zum erlesenen Kreis der Finanzierer) „Broken Heart Surgery“ von Pete Fij (eigentlich Piotr Fijalkowski, aber druck das mal auf ein Cover!) & Terry Bickers zu. Die wunderbar schöne Stimme des Ex-Adorable-Frontmanns, Bickers an der Gitarre, gelegentlich mal ein bisschen Schlagzeug, vorsichtige weitere Instrumentierung. Dass einen das Album trotzdem fesselt, liegt (auch) an den großartigen Texten Pete Fijs. Selten wurden unglückliche Liebe, gescheiterte Beziehungen und das Nachsinnen über den Sinn des Ganzen in schönere, z.T. humorvolle Worte gepackt. Menschen mit akutem Liebeskummer sollten vielleicht die Finger davon lassen, da sie möglicherweise sonst für immer allein bleiben wollen. Für alle anderen gilt: Reinhören und sich verzaubern lassen. Anspieltipps: „Out Of Time“, „Downsizing“, „Queen Of Stuff“

Von zwei englischen zu fünf deutschen Gentlemen: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen und ihr Album „Alle Ampeln auf Gelb!“ gehören auf diese Liste wie der Mod auf den Scooter. Gewohnt lakonisch und wie immer mit reichlich Soul sind hier wieder einige Meisterwerke zu finden, unter anderem eine hervorragend formulierte Absage an die deutschsprachige Mainstream-Rock- & Popmusik und eine Ode an alle Amateure. Um Carsten Friedrich zu zitieren: „Wir wären die größten, wären wir nicht hier. Scheiß drauf, was soll’s, nehm‘ wir einen bei mir!“ Anspieltipps: „Rock-Pop National“, „Der Amateur“, „The Out-Crowd“

Eine etwas deutlich direktere Ansage machen die Sleaford Mods aus Nottingham. Ihr Album „Divide And Exit“ ist ein bisschen wie ein musikalischer Tritt in die Eier. Unverblümt, unverstellt und unverschämt – unverschämt gut allerdings! Da wird konsequent durchbeleidigt, während im Hintergrund treibende, ein bisschen düstere Postpunkbeats für das richtige Tempo sorgen. Ein bisschen wie The Fall elektronisch – nur die Fluchfrequenz ist wesentlich höher. Die wirkt aber nicht gestellt, sondern man nimmt ihm ab, dass er auch privat genau so spricht. Ob das die Sache nun besser macht, sei mal dahingestellt. Ganz nebenbei mit „You fuckin‘ tit rifle“ noch einen Contender für die kreative Beleidigung des Jahres eingebaut. Anspieltipps: „Tied Up In Nottz“, „You’re Brave“, „Tweet Tweet, Tweet“

Zumindest vom Selbstbewusstsein her in der gleichen Kategorie spielen Kasabian. Deren neues Album „48:13“ gewinnt zunächst mal optisch keinen Schönheitspreis und ist vielleicht auch insgesamt kein Meisterwerk. Aber es sind ein paar Tracks drauf, die in „bewährter Kasabian-Qualität“ irgendwo zwischen britischem Lad-Rock und Dance liegen – mal mehr in die eine, öfter mal in die andere Richtung – und einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ganz vorne dabei und bestes Beispiel: „Ee-zeh“, die orthographisch etwas bescheuert betitelte erste Single. Dürfte im Sommer auf vielen Dancefloors zu hören sein. Anspieltipps: „ee-zeh“, „treat“, „explodes“

Beruhigen wir uns wieder und kommen zu jemandem, der sowohl musikalisch als auch vom Wesen her deutlich geruhsamer daher kommt: Conor Oberst hat mit „Upside Down Mountain“ ein für seine Verhältnisse zwar ziemlich flottes und auf das erste Hören fröhliches Album aufgenommen, aber Melancholie gibt es natürlich dennoch zuhauf. Gepaart mit seiner immer leicht brüchig klingenden Stimme und den guten Geschichten, die er zu erzählen hat, ergibt das ein schönes Album, das ein bisschen wie ein Buch mit einzelnen Kapiteln daherkommt. Schön stimmig! Anspieltipps: „Hundreds of ways“, „Zigzagging Toward The Light“, „Night At Lake Unknown“

Ja, Panik, meine Damen und Herren. Ganz anderes Feld. Reduziertes Band-Lineup, anderer Sound – und doch immer noch genau so eindringlich und kämpferisch wie vorher. „Libertatia“ heißt das neue Album – „wo wir sind ist immer Libertatia“ der Leitspruch – und nach wie vor gilt: Ja, Panik gehören zu dem Besten, was deutschsprachige Musik zu bieten hat. Anspieltipps: „Eigentlich wissen es alle“, „Au Revoir“, „Post Shakey Time Sadness“

Augustines, die früher „We Are Augustines“ hießen, haben in diesem Jahr ein gleichnamiges Album herausgebracht. Das zeigt eindrucksvoll, wie man Songs voller Pathos schreiben kann, ohne gleich abgeschmackt und wie Coldplay zu klingen. Hymnen, die wahrscheinlich auch im Stadion funktionieren, bestimmt aber viel besser im kleinen Club. Leider habe ich genau das verpasst, aber auf der Haldern-Bühne ist es bestimmt genauso beeindruckend. Anspieltipps: „Don’t You Look Back“, „Kid You’re On Your Own“, „Now You Are Free“

Außerhalb der Konkurrenz laufend, da zwar 2014 entdeckt, aber schon früher aufgenommen, dennoch genau so gut: Life In Film mit der EP „Cold Wire“, The Delta Riggs mit „Hex.Lover.Killer“, „Paul“ vonSuit And Tie Johns und Smart Cops mit „Per proteggere e servire“. Dazu der Soundtrack zum großartigen Film Good Vibrations mit einigen Belfast-Punk-Krachern.

Songs von allen genannten Alben und noch einige mehr gibt es übrigens auch in einer Playlist, und zwar hier: 2014. Viel Spaß damit!

 

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