Gehört und gesehen: Carl, Pete und der Grotifant – The Libertines in Düsseldorf

Zu den Hochzeiten des studiVZ, das muss so ca. 1894 2005/2006 gewesen sein, war man dort Mitglied in Gruppen. Gruppen waren der heiße Scheiß, je ausgefallener und vermeintlich witziger der Name, desto besser konnte man zeigen, was man selbst für ein krasser Typ war. (Leichte Übertreibung durch den Autor möglich.)

Eine der Gruppen, in der ich Mitglied war, hieß „Für eine Reunion der Libertines würde ich mir einen Arm abschlagen“ – oder so ähnlich, den genauen Wortlaut habe ich nach all den Jahren vergessen. Hätte ich natürlich nicht gemacht, aber Gruppennamen, Musikgeschmack und so, siehe oben. Fakt ist: Die Libertines haben sich mit ihren beiden Alben unwiderruflich in meine Musikwelt eingebrannt, von daher war der Wunsch nach einer Reunion nach der allzu frühen Auflösung der Band anfangs in der Tat groß.

Mit den Jahren – und mit jeder weiteren von den Boulevardmedien ausgewalzten Eskapade Pete Dohertys – wurde dieser Wunsch allerdings kleiner. Nach einem fulminanten Konzert von Carl Barat im Bielefelder Forum war ich dann der Meinung: Brauch ich nicht mehr. Geht auch so. Auch wenn sie zu der Zeit tatsächlich schon wieder einige gemeinsame Konzerte gespielt hatten.

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In diesem Jahr dann: Eine richtige Tour mit einem Konzert in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle. Plötzlich war da wieder was. Der immer noch vorhandene Ärger, sie damals live verpasst zu haben. Der Wunsch, all diese großen Songs doch noch einmal live zu erleben. Kurz geschluckt beim Preis von ca. 42€, aber ach, was soll‘s. Gekauft. Und dann gedacht: Na hoffentlich wird das was. Am besten auf alles vorbereitet sein und mit möglichst geringen Erwartungen ins Konzert gehen.

Das ist natürlich – insbesondere, wenn das Konzert unmittelbar bevorsteht – leichter gesagt als getan. Zumal vorherige Konzerte der Tour mit Begeisterung aufgenommen wurden. Es macht sich doch ein bisschen Aufregung breit, Circa Waves als Vorband lenken davon auch nicht ab. Nix besonderes. Aber dann! Sie sind da. Alle! Gleichzeitig und in der Lage, gemeinsam zu musizieren. Das ist schon einmal gut und wichtig, weil keineswegs selbstverständlich!

Sie haben sich (immer noch oder schon wieder) lieb

Sie haben sich (immer noch oder schon wieder) lieb

Der Rest ist: ziemlich grandios. Mitgröhlen und Dauergrinsen wechseln sich ab, weil man merkt, dass die Jungs tatsächlich auch selbst richtig Spaß an der Sache haben. Es wird viel improvisiert, auf Fanwünsche eingegangen und rumgekaspert – the boys are having a laugh! Einen skurrilen Höhepunkt erreicht das ganze, als Pete Doherty zunächst einen Bayer (KFC) Uerdingen Fangesang anstimmt und beim anschließenden Lied der Grotifant auf die Bühne kommt, die anderen Bandmitglieder umarmt und von Pete einen (bestimmt nett gemeinten) Bodycheck einstecken muss.

Der Grotifant entert die Bühne

Der Grotifant entert die Bühne

Wirkliche Höhepunkte gibt es ebenfalls reichlich: Boys In The Band, What Katie Did, Time For Heroes, Vertigo, Can’t Stand Me Now, Don’t Look Back Into The Sun, Music When The Lights Go Out – in der Zugabe noch What A Waster, What Became Of The Likely Lads und als Schlussakt das grandiose I Get Along. Quasi eine Best-Of-Show, da es ja aktuell auch kein Album zu promoten gilt.

Klar hat gerade Mr. Doherty mal ein bis fünf Akkorde auf der Gitarre ausgelassen. Oder Text weggelassen. Oder beides. Albion, das er solo spielte und das mit dem Auftritt des Grotifanten einherging, war schon reichlich – sagen wir unzusammenhängend oder bruchstückhaft. Tell The King wurde von beiden ziemlich versemmelt. Aber gut, von diesem Chaos lebt diese Band ja irgendwie auch schon immer ein bisschen. Es muss wenigstens ein Minimum an Anarchie da sein, sonst würde das nicht funktionieren. Der Gesamtqualität hat das jedenfalls überhaupt nicht geschadet.

Das ist sowieso ein schöner Gegensatz auf der Bühne: Hier Barat und Doherty, die immer wieder Platz und Mikrofon tauschen, mal beide in ein Mikro singen, hier mal was anspielen, da mal was weglassen, rumwuseln, trinken und rauchen – und da John Hassall, der mit dem Weg auf die Bühne und zurück sein Bewegungspotenzial schon ausgeschöpft hat (die Hände beim Bass spielen natürlich ausgenommen) und guckt, als müsste er hinterher die Halle mit einem einzigen Tempo sauber wischen; sowie Gary Powell, der mit Inbrunst und stoischem, grimmigen Blick auf die Drums eindrischt und versucht, das ganze Ensemble halbwegs im Takt zu halten. Zusammen sind das, weil Powell das irgendwie schafft, großes Kino und ein überdurchschnittlich guter Konzertabend.

Falls Carl und Pete doch nicht mehr weitermachen, könnte Gary Powell auch als Double für Don Cheadle arbeiten

Falls Carl und Pete doch nicht mehr weitermachen, könnte Gary Powell auch als Double für Don Cheadle arbeiten

Vor der Zugabe bedankt sich Carl Barat und bittet um Entschuldigung, dass es solange gedauert hat. „We were a bit emotional“, sagt er mit etwas zittriger Stimme, denn diese Tour sei für sie etwas Besonderes, und man möchte es ihm glauben. Denn auch wenn diese Tour wohl aus monetären Gründen begonnen hat – da ist immer noch mehr zwischen diesen beiden Männern. Der Funke ist auf der Bühne deutlich zu sehen (oder die beiden sind erstaunlich gute Schauspieler). Es wird über ein neues Album im kommenden Jahr gemunkelt. Mal sehen. Aber an diesem einen Sonntagabend in Düsseldorf, da haben The Libertines für mich ganz persönlich einen Wunsch erfüllt. Einen Arm abschlagen lassen würde ich mir deshalb immer noch nicht – aber das ist ja jetzt auch gar nicht mehr nötig. Everywhere is Albion, oder wie Gary am Ende versicherte: You are all Libertines!

 

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