Im Test: Das Fairphone

Während (gefühlt) die ganze Welt über Größe, Biegsamkeit, Lieferbarkeit, Preis, Innovationsfaktor, Sinn und Unsinn der neuen iPhones diskutiert, geht es an dieser Stelle heute um eine gänzlich andere Art von Smartphone: Seit einigen Wochen nutze ich das Fairphone, ein so fair und nachhaltig wie möglich hergestelltes Smartphone, das von einem (vor allem im Vergleich zu den üblichen Herstellern) kleinen Unternehmen aus den Niederlanden produziert wird. Natürlich kann man nicht bei jedem einzelnen Bestandteil eines Smartphones den Weg soweit verfolgen, dass man sagen kann: Das ist fair, ökologisch nachhaltig und sauber produziert worden. Aber das Bestreben ist da, und einige kritische Stoffe werden tatsächlich fair produziert, und diesen Ansatz finde ich sehr gut und unterstützenswert.

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Moment mal: Fair hergestellt, aber made in China? Ja, genau. Das Fairphone wird zwar in einer Fabrik in China hergestellt, in der auch andere Handyhersteller produzieren. Aber: Bei der Herstellung des Fairphones gelten vernünftige Arbeitsbedingungen und -zeiten und die Arbeiter werden angemessen bezahlt. Daran könnten sich andere Hersteller, deren Gewinnspanne pro Gerät wesentlich größer ist, mal ein Beispiel nehmen.

Aber seien wir mal ehrlich: Ein unterstützenswertes Projekt alleine macht ja noch kein gutes Smartphone. Denn das soll bei aller Ideologie ja schließlich auch im Alltag tauglich sein und funktionieren – mindestens genau so gut wie das vorherige Gerät. Daher an dieser Stelle ein kurzer Check.

Das Äußere

Im Vergleich zu meinem vorherigen Smartphone, dem Samsung Galaxy S3, ist das Fairphone minimal schmaler – aber spürbar dicker. Das liegt wahrscheinlich auch am Ansatz des Herstellers, dass Einzelteile im Falle eines Defekts vom Nutzer ausgetauscht werden können und daher nicht alles so eng wie möglich verbaut ist. Wobei es trotzdem noch bequem in jede meiner Hosentaschen passt.

Fairphone und S3 Seite an Seite

Fairphone und S3 Seite an Seite

Etwas schwerer als das S3 ist es auch. Das wird zum einen am soliden Metalldeckel liegen, der über dem Akku und den Kartenslots liegt, zum anderen an den einzelnen verbauten Komponenten. Auch das macht sich in meinen Augen aber nicht negativ bemerkbar, wir reden hier schließlich lediglich von ein paar Gramm.

Ein bisschen dicker, aber kein dickes Ding

Ein bisschen dicker, aber kein dickes Ding

Vom Design her ist das Fairphone nichts Besonderes. Es gibt mit Sicherheit schönere Smartphones, mit Sicherheit auch hässlichere. Es wirkt etwas „altbacken“, aber mir persönlich ist das relativ egal, ich will ja keinen Schönheitspreis damit gewinnen.

Solo für das Fairphone

Solo für das Fairphone

Ein Blick auf die Rückseite. Sehr solide!

Ein Blick auf die Rückseite. Sehr solide!

Mit dem Phone hatte ich mir gleich noch ein Schutzcase bestellt, ebenfalls direkt vom Hersteller. Die finde ich leider nicht so gelungen, da sie meiner Meinung nach nicht optimal sitzt und dadurch zu viel Druck auf den Powerknopf ausübt. Eine schicke, maßgeschneiderte Alternative habe ich bei Raedan gefunden – natürlich vom Typ her ganz anders, aber sehr zweckmäßig und praktisch.

Was schickes zum Anziehen...

Was schickes zum Anziehen…

Das Innenleben

Das Fairphone läuft mit einer älteren Version des Android-Betriebssystems, genauer gesagt mit der Version 4.2 Jelly Bean mit auf das Fairphone zugeschnittenem Interface. Da ich noch nie die aktuellste Android-Version genutzt habe, kann ich nicht sagen, was ich damit verpasse, aber für meine Bedürfnisse und Apps reicht diese Version vollkommen aus. Ich denke mal, da hat Fairphone einfach auch den Preis im Blick gehabt.

Die Hardware – Details kann man bitte hier nachlesen, das ist ja hier kein Tech-Blog J – genügt ebenfalls vollstens meinen Ansprüchen. Ich konnte bisher keinen Leistungsunterschied zum S3 feststellen, und da ich mit dem in dieser Hinsicht immer zufrieden war, ist alles gut.

Praktisch, auch wenn ich es selbst wohl eher selten bis gar nicht nutzen werde, finde ich den doppelten SIM-Karten-Slot. D.h. man kann theoretisch zwischen zwei SIM-Karten hin- und herswitchen, ohne diese ständig ins Gerät einzusetzen. Gute Idee!

Der Akku – wichtiges Kriterium! Hier schwächelte das S3 nach knapp zwei Jahren zuletzt schon ein wenig. Der Fairphone-Akku ist da deutlich besser aufgestellt, auch bei dauerhaftem Daten- oder WLAN-Empfang kommt man damit bei „normaler“ Nutzung gut durch den Tag. Wenn man natürlich intensiv surft und Apps nutzt, schadet ein kurzes Aufladen (das erfreulich schnell von statten geht) natürlich nichts, aber das ist ja bei jedem anderen Smartphone genauso. Mal sehen, wie leistungsstark der Akku auf lange Sicht bleibt.

Das Innenleben

Das Innenleben

Die Benutzung

Faszinierend finde ich ja, wie sehr ich mich nach nicht mal zwei Jahren an die Bedienung des S3 gewöhnt habe und wie entsprechend „schwer“ es mir in den ersten Stunden fiel, ein anderes Telefon zu bedienen. Obwohl ja das Betriebssystem im Grunde das gleiche ist. Ging dann aber trotzdem fix, sich an die Bedienung des Fairphones zu gewöhnen.

Wenn man es das erste Mal anschaltet, ist da bis auf ein paar übliche Funktionsapps – sowas wie die Standardprogramme beim PC – nichts drauf. Das liegt wohl auch an der Tatsache, dass man das Phone ja nicht in Verbindung mit einem Vertrag bzw. einem Provider kauft. Mir gefällt das, denn auf die meisten vorinstallierten und nicht löschbaren Apps auf dem S3 konnte ich gut verzichten, die nahmen nur unnötig Platz weg.

Was drauf ist: Ein Installer für die Google-Apps. In erster Linie natürlich wichtig für den Play Store, um weitere Apps zu laden. Dafür stehen ca. 13 GB interner Speicher zur Verfügung – eine Kapazität, die ich schon früher nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft habe. Ich glaube, momentan ist es gerade einmal 1 GB. Platz für Steigerungspotenzial ist also vorhanden…

Bei der Tastenbelegung ist der Unterschied zum S3 ebenfalls minimal. Der Powerknopf befindet sich beim Fairphone oben und nicht an der Seite, ansonsten besteht der einzige Unterschied darin, dass der Home Button hier auch Teil des Touch-Displays ist und keine „richtige“ Taste.

An dieser Stelle zwei minimale Kritikpunkte: Es wäre praktischer, wenn die drei Touch-Tasten beleuchtet wären. Klar weiß man, wo die sind, aber benutzerfreundlicher wäre es allemal. Und beim Tippen mit der Tastatur liegt die Leertaste arg nah über dem Home Button, so dass man beim Eintippen einer Nachricht gerne mal unverhofft auf dem Home Screen landet.

Ansonsten ist die Bedienung wahrscheinlich wie bei jedem anderen Smartphone. Man gewöhnt sich schnell dran und vieles geschieht nahezu intuitiv. Praktisch für diejenigen, die oft viele verschiedene Apps nutzen: Einer der Home Screens bietet eine Auflistung der zuletzt sowie am häufigsten genutzten Apps für schnellen Zugriff.

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Das Display ist mit 4,3 Zoll eher durchschnittlich groß, für mich aber völlig ausreichend. Das Ding soll ja schließlich bei Bedarf immer unkompliziert in der Hosentasche verschwinden können. Die Auflösung ist einwandfrei, ich kann im Vergleich zu anderen Smartphones keinen Unterschied in Sachen Bildqualität feststellen. Also alles in bester Ordnung.

Ach ja, telefonieren kann man ja mit so einem Smartphone auch… Die Klangqualität auf Empfängerseite ist gut – da ich von den bisherigen Gesprächspartnern nichts Gegenteiliges gehört habe, gehe ich mal davon aus, dass auch die andere Seite mich gut verstehen kann.

Bei der Wiedergabe von Musik und Videos gibt es in Sachen Klang ebenfalls nichts zu meckern. Der eingebaute Lautsprecher klingt ganz gut, ist aber natürlich immer noch ein Handylautsprecher. Mit Kopfhörern entsteht ein satter, sehr guter Klang.

Noch ein für viele wichtiges Feature bei Smartphones: Die Kamera. Hier sollte man vom Fairphone keine Wunderdinge erwarten. 8 Megapixel sind ein Standardwert bei Handy dieser Preiskategorie – für Schnappschüsse und Bilder bei guten Lichtverhältnissen reicht das allemal aus. Wer mehr will, sollte lieber eine richtige Kamera in die Hand nehmen. Die Frontkamera ist mit 1,3 MP für das obligatorische Selfie ebenfalls ausreichend.

Das Zubehör

Nicht vorhanden – und das ist auch richtig so. Ein Kriterium der Macher des Fairphones ist es schließlich, (weiteren) Elektromüll weitestgehend zu vermeiden. Und mal ehrlich: Wer braucht schon noch ein Micro-USB-Kabel, wenn er ein neues Handy kauft? Oder noch ein paar Kopfhörer? Deshalb werden diese beiden konsequenterweise gar nicht erst mitgeliefert.

Fazit und Preis-Leistungs-Verhältnis

Das Fairphone kostet 310 Euro zuzüglich Versand aus den Niederlanden. Ich glaube, angesichts der Besonderheit dieses Handys und seiner Ausstattung ist das ein – Achtung, Kalauer! – fairer Preis, da andere Smartphones in dieser Kategorie auch nicht wesentlich günstiger sind.

Man bekommt ein solides, sehr taugliches Smartphone, das vielleicht nach außen nicht besonders auffällig ist, mit dem man sich aber dennoch deutlich von der Masse abhebt. Immerhin sind überhaupt erst rund 50.000 Fairphones auf dem Markt – weltweit wohlgemerkt! Und das Gerät macht (bisher) zuverlässig, was es soll. Wie gesagt, wer ein High-End-Gerät sucht, sollte sich an anderer Stelle umschauen. Für den „durchschnittlichen“ Smartphonenutzer ist das Fairphone meiner Ansicht nach bestens geeignet.

Und ja, man bekommt auf eine gewisse Art auch ein gutes Gefühl. Zumindest mir ging das so. Denn trotz aller Hindernisse, die es auf dem Weg zu fair hergestellten Mobiltelefonen für die breite Masse gibt, ist das hier ein erster, meiner Meinung nach richtiger und wichtiger Schritt, wie man so etwas bewerkstelligen könnte. Wer also gerade auf der Suche nach einem Smartphone ist: Warum nicht mal ein Fairphone kaufen? Ich kann es ohne Bedenken empfehlen.

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3 Gedanken zu „Im Test: Das Fairphone

  1. Miss James

    Ich bin gespannt, wie es sich dauerhaft macht. Denn anfangs war mein S3 ja auch noch blitzschnell und der Akku hielt lange. Mittlerweile aber…

    Antwort
  2. Franz

    Einer der für mich wichtigsten Punkte ist glaub ich hier noch nicht ausdrücklich genannt: Das Teil kommt „rooted“, d.h. ohne Google-Verriegelung. Ich betreibe meins bis heute ohne Google-Account (!), soll auch so bleiben, ich komme bestens mit Fdroid bzw. 1Market aus.
    Die beiden SIM-Slot waren für mich maßgeschneidert, da ich für Telefonieren und Daten (USB-Stick am Notebook) schon 2 SIMs hatte, die ich weiter Prepaid wie bisher betreiben kann, auch Web auf dem Notebook (Mac 10.6, schon etwas alt 😉 per bluetooth tethering (statt USB-Stick) klappte auf Anhieb (ok, können andere Androids auch). Für mich jedenfalls sehr angenehm, ist mein erstes Smartphone …

    Und, BTW, das Aussehen ist just mein Geschmack, ist mir lieber als z.B. Samsung Styling. Als Schutzgehäuse hab ich tatsächlich den angebotenen 3D-Druck genutzt, und konnte mir das Ergebnis in München mit dem Fahrrad abholen 😉 und da war der Preis sogar besser als bei anderen Angeboten, so mein Eindruck …

    Antwort
  3. Pingback: Das Fairphone im “Langzeittest” | alltag und kultur

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