Gehört und gesehen: „Schmerzliche Heimat“ im Westfälischen Landestheater

9. September 2000: Der Blumengroßhändler Enver Simsek wird in Nürnberg erschossen. Der erste von viel zu vielen Morden, die auf das Konto des NSU gehen.

Das ist, sehr sehr grob skizziert, der Hintergrund des Stücks „Schmerzliche Heimat“, das zurzeit vom WLT aufgeführt wird. Dramaturg Christian Scholze hat das gleichnamige Buch von Semiya Simsek, der Tochter des Mordopfers, und dem Journalisten Peter Schwarz für die Bühne adaptiert. Herausgekommen ist ein eindrückliches Dokument der jüngeren Zeitgeschichte, grandios umgesetzt von den drei Schauspielern Anke Jansen (Semiya Simsek), Susanne Kubelka (Adile Simsek) und Neven Nöthig, der sämtliche männlichen Rollen spielt, darunter Enver Simsek, aber auch einen ermittelnden Beamten.

Das Stück behandelt das Leben der Familie Simsek vor, unmittelbar während und nach dem Mordanschlag. Familiärer Alltag, Trauer, Wut und Ohnmacht gegenüber den unsäglichen Drangsalierungen und Unterstellungen der Ermittlungsbehörden wechseln sich mit Rückblenden in die Kindheit und Jugend der Protagonisten ab. Man muss sich wirklich vor Augen führen – darauf wies Christian Scholze in seinem Einführungsvortrag zu Recht hin – dass das Stück auf Fakten beruht. Dass also tatsächlich die Familie verdächtigt wurde, ihren Mann, ihren Vater bzw. ihren Schwager ermordet zu haben. Der wiederum zu einem Drogenkurier gemacht wurde, der von der türkischen Mafia liquidiert wurde. Was dann schließlich in den Schlagzeilen um die „Döner-Morde“ gipfelte. Diese unfassbaren Vorkommnisse, von denen man sich gar nicht vorstellen kann, wie verletztend und verstörend sie für die trauernde (!) Familie gewesen sein müssen, ziehen sich wie ein schmerzhafter roter Faden durch das Stück.

Das alles geschieht mit minimalem Einsatz von Requisiten und Kostümen, und dennoch sind die verschiedenen Szenarien und vor allem die Gefühlslagen förmlich greifbar. Im Nachgespräch zum Stück, das Scholze und die Schauspieler mit Teilen des Publikums geführt haben, sagte eine Zuschauerin, dass das Stück „bis an die körperlichen Grenzen“ gegangen sei. Das gilt natürlich ohnehin für die Schauspieler, aber auch für das Publikum – zumindest ich habe das so empfunden. Das ist kein Theaterstück im Sinne „klassischer Unterhaltung“ – „Schmerzliche Heimat“ ist schwere Kost und fordert den Zuschauer, und zwar während und auch nach der Vorstellung. „Gemeinsam, nur das kann die Lösung sein“ ist der Schluss, zum dem Semiya Simsek kommt und der natürlich der einzig richtige ist. Auch wenn das vermutlich nie alle verstehen werden, kann und muss jeder etwas gegen alltäglichen, strukturellen Rassismus und Benachteiligung tun, das ist die Quintessenz dieser Aussage. Und es ist offensichtlich wichtig und notwendig, darauf immer wieder hinzuweisen.

Wer das Stück sehen will – was ich wirklich jedem nur empfehlen kann – hat noch die Gelegenheit: Vom 30.3.-1.4. läuft das Stück jeweils um 20 Uhr im Studio des WLT in Castrop-Rauxel. Im Laufe des Jahres gibt es zwar noch weitere Termine, die allerdings alle vormittags bzw. mittags stattfinden. Es lohnt sich!

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