Wo ist das Grau?

Schwarz oder weiß, gut oder schlecht, klug oder blöd, netter Mensch oder totales Arschloch. Dazwischen gibt es: nichts.

Könnte man zumindest meinen, wenn man sich regelmäßig Medien und soziale Netzwerke zu Gemüte führt. Aktuelles Beispiel: Die Abstimmung über die Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Spiele*. Die Bürger Hamburgs und Kiels haben sich mit einer knappen Mehrheit gegen die Bewerbung entschieden. In einem demokratischen Prozess, demokratischer geht es gar nicht. Als Folge dessen wird sich Hamburg also nicht um die Spiele bewerben.

Und schon geht es los, so verlässlich, dass man die Uhr danach stellen konnte: Befürworter der Bewerbung kotzen sich über diejenigen aus, die sie ablehnen. Alles verklärte, weltfremde Idioten, die keine Visionen für die Zukunft haben, den Sport kaputt machen, Hamburg und Deutschland sowieso, Angst haben und überhaupt. Natürlich wird auch die Terrorkarte ganz geschmackssicher mit auf den Tisch geworfen, und, für mich persönlich der Gipfel, die Flüchtlings“krise“. Ich warte geradezu auf den ersten, der schrei(b)t: „Wegen der Flüchtlinge bekommen wir kein Olympia!“ (Oder hat schon einer, und ich habe es nur nicht mitbekommen?)

Sicher gibt es auch sachliche Analysen der Situation, kluge Bewertungen, warum sich der eine so, der andere so entschieden hat. Aber: Sie gehen im Geschrei unter. „Dank“ der sozialen Netzwerke geht das natürlich auch schneller, als mögliche Gründe zu analysieren, wie es beispielsweise bei Spiegel Online geschehen ist.

Mit geht es hier übrigens nicht darum, einseitig auf die Olympia-Befürworter einzudreschen. Wäre die Abstimmung anders ausgegangen, wäre es möglicherweise ähnlich gewesen, nur eben in die andere Richtung. Was mich aber stört ist dieses generelle Abkanzeln – wer etwas nicht so macht, wie ich das will, ist ein Blödmann. Mir fehlen da einfach die Zwischentöne, moderate Stimmen, die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß. Mit Argumenten diskutieren scheint mir in vielen Fällen aus der Mode gekommen zu sein. Das kann man im Übrigen nicht nur an solch „großen“ Beispielen festmachen, sondern auch an eher „kleineren“ im Alltag. Warum sich schließlich auch mit (möglicherweise sogar vernünftigen!) Argumenten auseinander setzen, wenn ich doch genau weiß, dass ich auf jeden Fall und unumstößlich Recht habe! Das hält doch nur auf. Ich persönlich finde das sehr ermüdend und würde mir wünschen, dass sich dieser Trend wieder umkehrt. Ich bin allerdings pessimistisch genug, um selbst zu wissen, dass das höchstwahrscheinlich ein Wunsch bleiben wird…

 

PS: Zu Olympia habe ich tatsächlich keine dezidierte Meinung. Sicherlich wäre es toll, die Spiele einmal fast vor der Haustür mitzuerleben. Andererseits finde ich die Umstände, unter denen Ereignisse wie Olympia vergeben werden, und die Bedingungen, die den Bewerberstädten aufgezwängt werden, äußerst befremdlich. Als Hamburger hätte ich vermutlich auch eher mit nein gestimmt – nicht zuletzt wenn die Finanzierung so unklar ist wie zurzeit. Und da sind ja die Bestechungsgelder vermutlich noch gar nicht mit eingerechnet… Scherz beiseite, ich kann Argumente dafür und dagegen nachvollziehen. Daher wären etwas mehr Grautöne in der „Diskussion“ bestimmt nicht verkehrt.

 

*kleiner Exkurs: Hamburg hat sich NICHT für die Olympiade beworben, sondern für die Olympischen Spiele. Die Olympiade ist nämlich die Zeit ZWISCHEN den Olympischen Spielen. Solange das aber selbst in etablierten Medien durcheinander geworfen wird

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2 Gedanken zu „Wo ist das Grau?

  1. airsign

    Wenn ich das * erkläre höre ich immer wieder, dass doch alle Olympiade sagen und ich nicht so Klugscheißen soll und man sehr wohl mittlerweile Olympiade sagen darf usw. Endlich mal einer der Ahnung hat! Stimme dir auch sonst in allem zu!

    Antwort
    1. alltagundkultur Autor

      Danke! 🙂
      Und nur weil es alle sagen, soll es dann richtig sein? Nee, nee, da bin ich dann doch lieber Klugscheißer. 😉

      (guter Hinweis übrigens, hatte vergessen, das mit einer Quelle zu unterfüttern. Hiermit nachgeholt!)

      Antwort

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