Lektüretipps – Sommerausgabe

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, fast nur noch gute Bücher zu lesen. Das könnte für meine penible Auswahl sprechen, bei der ich sorgfältig darauf achte, nur Qualitätsware zu kaufen, die von mir vertrauenswürdig erscheinenden Experten mit Lobpreisungen bedacht wurde. Haha! Naja. Vielleicht liegt es auch an meiner persönlichen Filterblase, die mögliche schlechte Bücher von vornherein ausschaltet. Oder ich habe einfach Glück.

2016 habe ich, soweit ich mich erinnere, jeweils noch kein schlechtes Buch gelesen. Und das übrigens auch dank eines Tipps eines Freunds. Der hat mir nämlich „New York“ von Edward Rutherfurd empfohlen. Und das kann ich nur bestätigen. Das nicht gerade schmale Buch (rund 1000 Seiten) erzählt die Geschichte New Yorks von der niederländischen Handelssiedlung bis zur heutigen Megacity, und zwar mit einer spannenden Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit. Der Leser begleitet verschiedene (fiktive) Familien durch die Jahrhunderte, deren Schicksale sich immer wieder aufs Neue miteinander verweben und mit realen Personen und Ereignissen der Zeitgeschichte interagieren. Das hat mich nicht nur ungemein gefesselt, sondern die Sehnsucht noch einmal gesteigert, diese Stadt erneut zu bereisen. Gerade wenn man schon einmal in New York war, kann man sich auch geographisch ganz wunderbar in diese tolle Story hineinversetzen. Für Fans der Stadt ist dieses Buch erst recht ein Muss, aber auch so ist der Roman absolut empfehlenswert.

In einer anderen Stadt, die ich unbedingt auch einmal bereisen möchte, spielt „Der Trafikant“ von Robert Seethaler. In diesem Buch geht es um den 17-jährigen Franz, der aus dem beschaulichen Idyll am Attersee nach Wien zieht. Dort arbeitet er in der Trafik eines Freundes seiner Mutter. Dort lernt er nicht nur alles über Zeitungen, Zigarren und die Vorlieben der Kunden – er lernt auch die Liebe, Sigmund Freud, das Grauen des Nationalsozialismus, die Abgründe der Menschen und das Leben überhaupt kennen. Unkonventionell und unbeirrbar bahnt er sich seinen Weg durchs Leben, das sich für ihn seit seiner Ankunft ständig und rasant verändert. Erzählt wird das Buch in einem klaren, etwas naiven Stil, ein bisschen den Gedanken der Hauptperson nachempfunden, die ja mitten in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen steckt. So entsteht eine wunderbare kleine Geschichte über einen ungewöhnlichen Romanhelden, die vor allem eins ist: schön. Und die Gespräche des 17-jährigen Provinz“burschis“ mit dem greisen Freud sind einfach bezaubernd komisch!

Kate Tempest kennen einige vielleicht als Poetin und Rapperin (nein, das ist kein Widerspruch!). Mit The Bricks That Built The Houses hat sie einen Debütroman geschrieben, der mindestens genauso rasant ist wie ihre Lyrics. Und wer ihre Songs kennt, ist auch schon einmal mit den Protagonisten des Buchs in Berührung gekommen. Die Leben von Becky, Harry, Pete und Leon werden in London auf wahnwitzige Weise miteinander verwoben, bis hin zum dramatischen Höhepunkt, bei dem es um viel, viel Geld und noch so einiges mehr geht.Tempest schreibt in einer metaphernreichen, tollen Sprache und in einem manchmal atemlosen Stil, der einen wirklich mitreißt. Ich würde, ohne die deutsche Übersetzung näher zu kennen, das Buch im Original empfehlen; sonst könnte zu viel verloren gehen. Es lohnt sich!

Als letzten Tipp gibt es ein Sachbuch, dass aber an vielen Stellen so spannend und amüsant wie ein Roman daherkommt: Cowboys and Indies von Gareth Murphy. Der Untertitel lautet „The Epic History of the Record Industry“, und das passt ziemlich gut. Murphy erzählt die Entstehungsgeschichte der Musikbranche von Beginn an, von der Erfindung der Technik zum Abspielen von Tonträgern bis zur heutigen Streamingtechnologie. Und das alles sehr detailliert, aber immer interessant, und natürlich haben die „Record Men“ eine ganze Menge spannende Geschichten zu erzählen. Es geht um die ganz großen Labels, aber auch „kleinere“, wie beispielsweise Rough Trade, werden ausführlich gewürdigt. Es ist unglaublich spannend, wie welche Einflüss auf die Musikindustrie einwirken und wie die Macher darauf reagieren. Von den Geschichten, wie manche Stars entdeckt wurden, mal ganz abgesehen. Das Buch ist zwar hauptsächlich aus einer britisch-amerikanischen Perspektive erzählt, aber letztlich sind diese Labels ja auch zwei der dominantesten Player auf dem weltweiten Musikmarkt (gewesen), und ihr Einfluss reicht ohnehin weit über die jeweiligen Ländergrenzen hinaus. Fazit: Wer sich für Musik und das dahinter stehende Business interessiert, sollte dieses Buch definitiv lesen.

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3 Gedanken zu „Lektüretipps – Sommerausgabe

  1. Frauke

    Falls du noch Bedarf hast: ich hab im Urlaub ein wie ich finde tolles Buch gelesen über einen (zufälligerweise Dortmunder bzw. Iserlohner), der mit Anfang 30 seinen IT-Job schmiss und innerhalb von 120 Tagen Norwegen von Süd nach Nord durchwanderte. Hat mich sehr in seinen Bann gezogen: gut geschrieben, spannende Route, recht unsportlicher Mann schafft seinen selbstgestecktes, krasses Ziel und verändert damit unbewusst einiges. Ich bin durch damit und es läge hier für weitere Leser herum 🙂

    Antwort

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