Archiv der Kategorie: Gedacht

Happy birthday, Erasmus!

Gestern wurde das Erasmus-Programm, mit dem (nicht nur) Studierende ein oder mehrere Semester im Ausland verbringen können, 30 Jahre alt. Vor mittlerweile gut 13 Jahren (und zack, fühle ich mich richtig alt) habe ich selbst die Erfahrung eines Erasmus-Semesters gemacht, und zwar an der University of Central England (die heute ganz anders heißt, wie der Link zeigt) in Birmingham, UK. Und auch wenn das hier wahrscheinlich nur wenige potenzielle Erasmus-Kandidaten lesen werden: Ich kann es nur jedem empfehlen, der/die die Möglichkeit hat. Und vielleicht kennt ja hier jemand jemanden…

Klar, das Klischee des Auslandssemesters besagt, dass man dort sowieso nur feiert, viel Freizeit hat und wenig für die Uni macht. Tja nun, so ganz von der Hand weisen kann ich das nicht. Angesichts von – wenn ich mich richtig erinnere – zehn Semesterwochenstunden blieb dazu auch tatsächlich viel Zeit. (Auch wenn ich für die Seminare natürlich auch einiges an Arbeit zu erledigen hatte.) Ja, wir haben viel gefeiert, viel unternommen und auch viel einfach nur in unserer WG-Küche gesessen und gequatscht. Aber letztlich ist das doch auch genau ein wesentlicher, wertvoller Teil der Erasmus-Idee: Menschen aus verschiedenen Ländern kommen zusammen, lernen sich kennen, lernen in und von einem anderen Land und lernen voneinander. Was vielleicht hochtrabend klingt, aber natürlich ganz besonders beim alltäglichen Zusammenleben stattfindet.

In meiner WG auf dem Campus waren neben mir noch fünf weitere BewohnerInnen – und alle kamen wir aus unterschiedlichen Ländern. So wohnte ich anfangs mit einem Italiener, einer Französin, einer Schwedin, einem Spanier und einem Norweger zusammen. Und es war toll! Ich habe viel über andere Länder, andere Kulturen und auch – klingt schon wieder hochtrabend und nach Ratgeberbüchern – über mich selbst gelernt. Viel mehr, als ich es dort an der Uni hätte lernen können, denn dort waren natürlich die britischen Studierenden klar in der Überzahl. Genau wie im Uni-Fußballteam – dort habe ich dann wiederum so einiges über die Briten gelernt. Und um endlich auch mal ein Klischee zu bestätigen: Ja, der Fußball dort war härter. Und um ein anderes gleich aus der Welt zu räumen: Nein, als einziger Deutscher des Teams musste ich mir nicht einen dummen Spruch anhören. Im Gegenteil.

Während ich also im Alltag viele nette, unterschiedliche Menschen kennengelernt, ganz neue Dinge und Orte erlebt und Erfahrungen gemacht habe, haben die Uniseminare und das Fußballteam „ganz nebenbei“ auch mein Englisch gehörig aufpoliert – noch eine Tatsache, von der ich bis heute profitiere. Auch das ist ja ein Zweck eines solchen Semesters. Und auch wenn sich der Kontakt zu meinen ehemaligen Mitbewohnern mittlerweile (leider!) auf die virtuelle Welt beschränkt (Zeit, das mal wieder zu ändern), ich würde jedem ohne mit der Wimper zu zucken ein Erasmus-Semester oder -Jahr empfehlen. Egal, in welchem Land. Es lohnt sich!

 

 

 

Rückblick auf und Premieren in 2016

Was ist, wenn es nicht an 2016 liegt, sondern daran, dass unsere Idole mittlerweile in einem Alter sind, in dem das Sterben immer wahrscheinlicher wird? Das ist die sinngemäße Zusammenfassung eines Tweets, den ich neulich gelesen habe und der natürlich den Nagel auf den Kopf trifft. Als Generation zwischen 25 und 45 sind unsere (Kindheits-)Idole nun einmal meistens ca. 20+ Jahre älter als wir – mal ausgenommen aktuelle Sport- und Showbusinessstars. Und das erhöht die Wahrscheinlichkeit – na Sie wissen schon… Einem Jahr dafür die Schuld zu geben ist fast noch absurder, als jemanden nach seiner Herkunft zu beurteilen und in eine Ecke zu stellen. Auch wenn es natürlich das Einfachste ist. Wie es ja überhaupt (nicht erst) in 2016 immer mehr in Mode zu kommen schien, alles immer möglichst einfach darzustellen und gegeneinander auszuspielen. In dieser Hinsicht, so ganz allgemein, war das vergangene Jahr ein eher besorgniserregendes.

Für mich ganz persönlich war 2016 dagegen kein schlechtes Jahr. Im Gegenteil. Ich habe unter anderem

  • tolle (neue) Orte gesehen und kennengelernt. Neu waren z.B. Riga (wunderschön), das Ahrtal (ebenso) oder die dänische Halbinsel Als, und dort insbesondere Nordborg-Købingsmark (dito!), und noch einige Orte mehr;
  • habe mit vielen lieben Menschen freudige Anlässe wie Hochzeiten oder Geburtstage gefeiert, schöne Sachen unternommen oder einfach nur nett zusammengesessen;
  • habe neue Dinge gemacht, ausprobiert und erlebt: zum Beispiel mit einem Alpaka spazieren gehen – das kann ich vorbehaltlos empfehlen, es war wunderbar herrlich; möglich ist das bei Daniels kleiner Farm in Castrop-Rauxel.
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Mein Alpaka-Freund Hurricane 😉

  • Ich war als Zuschauer bei einem Profi-Darts-Turnier der Professional Darts Corporation (PDC), was Spaß gemacht hat und interessant war.
  • Ich habe bei der Trilogy Challenge mitgemacht, eine weltweite Disc Golf Turnierserie, die in Lünen von den Ruhrpott Putters hervorragend organisiert wurde. Freue mich schon auf die nächste Ausgabe!
  • Ich war beim Weihnachtsflair auf Schloss Bodelschwingh und beim milttelalterlichen Lichter-Weihnachtsmarkt im Fredenbaumpark, was beides sehr schön und atmosphärisch war.
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Tolle Atmosphäre: Der Lichter Weihnachtsmarkt

  • Ich hatte viele schöne Konzertmomente mit bekannten Helden und neuen Bands. Neu dabei waren z.B. die fantastischen Who Killed Bruce Lee, das grandiose Ukulele Orchestra of Great Britain, Otherkin, Yak, Motorama oder Jungle By Night.
  • Es gab tolle Bücher und Lesungen, Museumsbesuche, neue Alben und feine Ausflüge, einige gute Filme und schöne Ausstellungen. Es gab sogar eine Sneaker Convention, was auch in vielerlei Hinsicht interessant war. Und auch eine Premiere. Genauso wie das Eintauchen in die Welt der Streamingdienste (als wahrscheinlich einer der letzten Menschen…): Hallo Netflix, hallo DAZN!

Es gab also viel neues zu tun und entdecken. Und das ist gut so. Wie schrieb Frau Nessy so treffend: „Man sollte immer ausreichend Dinge zum ersten Mal tun.“ Sehe ich genauso, halte ich genauso. Die ersten Dinge dazu sind für 2017 schon gebucht und geplant, und oft kommt ja auch spontan noch das eine oder andere dazu. Und ich freue mich drauf.

Gehört, gesehen und gefühlt: Haldern Pop 2016

Ach Haldern. Was habe ich, was haben wir im Vorfeld nicht diskutiert, gegrübelt, gehadert. Immer teurere Karten, viele Wiederholungen im Line-Up, immer weniger bekannte Bands, dazu letztes Jahr ein erschreckendes Erlebnis mit der Security, und überhaupt. Ein bisschen war es so, als würden wir nach Gründen suchen, vielleicht mal eine Pause einzulegen. Ein bisschen Abstand zu gewinnen.

Und dann: War es (natürlich!) doch wieder ein zauberhaftes Wochenende. Trotz Dauerregens am Donnerstag. Selbstverständlich ist unsere wunderbare Reisegruppe zu einem Großteil für das großartige Erlebnis verantwortlich – mit euch wäre auch ein Campingwochenende in Bottrop-Boy ein Spitzenwochenende. Aber auch das Haldern Pop hat sich in diesem Jahr – zumindest für mich – wieder viel Mühe gegeben. Fast so, als wollte es mich vom Gegenteil der oben genannten Gedanken überzeugen.

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Auch wenn das Line-Up nominell in der Tat zu den subjektiv schwächsten in meiner Haldernzeit gehörte und ich mich sehr ausführlich informieren musste: Es gab dann doch wieder einige Highlights. Ganz vorne waren dabei Yak, die das Spiegelzelt, die Anwesenden und meinen Gehörgang ordentlich durchgepustet haben. What a show! Und erfreulicherweise funktioniert das auch auf Platte ganz hervorragend. Toll waren auch St. Paul & The Broken Bones – stimmungsvoll, unterhaltsam und auch musikalisch gut. Ebenfalls schön: Minor Victories. Wie waren wir uns beim Konzert noch einig: Mit Shoegaze-Gitarren kriegt man uns immer. So auch diesmal. Gefallen hat mir auch das Konzert von Michael Kiwanuka, auch wenn ich da ein-zweimal gedacht habe, dass der Funken noch ein bisschen mehr überspringen könnte. Aber schön war es allemal. Positiv überrascht haben mich außerdem Algiers – da hatte ich im Vorfeld nicht besonders aufmerksam reingehört und war sehr angetan. Außerdem klasse: Ben Caplan & The Casual Smokers und Die Nerven.

Neben der guten Musik stimmten aber in diesem Jahr auch die Rahmenbedingungen. Nettes Securitypersonal, flüssige Einlasskontrollen, problemloser Zugang zum Spiegeltent, die gute Idee mit den Schließfächern, nochmals verbesserte Sanitäranlagen, Ruhe auf dem Campingplatz (letzteres ist natürlich immer ein bisschen Glückssache). Erwähnte ich schon die weltbeste Campinggruppe? Egal, kann man nicht oft genug erwähnen. Haldern ist eben mehr als ein Festivalwochenende. Haldern ist ein Gefühl.

Es passieren einfach immer wieder so wunderbare Dinge mit diesen besonderen Leuten auf diesem besonderen Festival. Schwimmen im See mit dem Donut und anschließendem Delirium-Tremens-Bier-Lachflash. Fachkundige Gespräche über abgefahrenste südkoreanische Noisemusik von Jambinai im Biergarten vor dem Spiegeltent und die natürlich vollkommen ernst gemeinte Feststellung, dass wir nie jemand die Geomungo schöner haben spielen sehen (googlet das Instrument einfach…). Und und und…

Also, bis nächstes Jahr, Haldern? Gut möglich. Ich kann mir einen August ohne Haldern mittlerweile nur noch sehr schwer vorstellen, egal, was im Vorfeld so passiert.

(Kurioserweise habe ich in diesem Jahr so wenig fotografiert wie nie zuvor, daher gibt es auch nur ein Bild in diesem Beitrag. Ich glaube, es ist während des Auftritts von Drangsal entstanden.)

Don’t leave me this way

Großbritannien will also aus der EU aussteigen. Aus meiner ganz persönlichen, anglophilen Perspektive finde ich das sehr traurig, ohne genau zu wissen, was der Austritt für mich persönlich überhaupt bedeuten wird, beispielsweise in Sachen Reisen. Aber, und das war gestern vielen Reaktionen zu entnehmen, es wird viele Menschen in ihrem Berufs- und Alltagsleben massiv beeinflussen, und zwar sowohl in Großbritannien als auch in anderen europäischen Ländern.

Was darüber hinaus Anlass zur Sorge gibt ist die EU als Gesamtkonstrukt. Ich bin ein 1981er Jahrgang. Seitdem ich halbwegs bewusst mitbekomme, was politisch vor sich geht, gibt es die Europäische Union bzw. ihren Vorgänger, die Europäische Gemeinschaft. Ich habe in den letzten Jahren mitbekommen, wie Europa immer mehr zusammengewachsen ist. Grenzen wurden gelockert, wenn auch nicht ganz abgeschafft, eine gemeinsame Währung wurde in vielen Ländern installiert. Auch wenn das nicht immer für alle sofort einen Vorteil bringt, was für ein unglaubliches Potenzial das alles hat! Für einige Jahre hatte man (also ich, und ich war damit nicht alleine) wirklich das Gefühl, es könnte so etwas wie ein geeintes Europa entstehen, sozusagen die Vereinigten Staaten von Europa.

Seit einigen Jahren wird allerdings immer deutlicher: Das war und ist wohl nur ein Wunschdenken meines harmonischen und pazifistischen Ichs. Der Ausstieg Großbritanniens ist der bisherige „Höhepunkt“ der immer stärker werdenden nationalstaatliche Tendenzen in vielen Mitgliedsländern der EU. Ein Trend, der mir Sorge bereitet und den ich nicht nachvollziehen kann. Noch weniger kann ich den Stolz auf einen solchen Staat. Mit welcher Begründung sollte ich stolz darauf sein, zufällig innerhalb dieses oder jenes Staatsgebiets geboren zu sein? Für mich ein vollkommen absurder Gedanke. Und die Kleingeistigkeit, die viele Leute zeigen, die „stolz auf ihr Land“ sind, ist die beste Bestätigung dafür.

Für viele andere aber offensichtlich nicht, unabhängig von ihrer Nationalität. Gleichzeitig haben viele ein diffuses Angstgefühl, eine Abneigung oder anderweitige Manschetten gegenüber der EU, von Fremden mal ganz abgesehen. Und eins ist mal klar: Die EU ist alles andere als perfekt. Aber bei all ihren Fehlern, Unausgewogenheiten und auch Ungerechtigkeiten, bei all der Bürokratie und Intransparenz, bei allem, was wirklich besser laufen könnte – es kann doch niemand ernsthaft behaupten, dass die EU im Vergleich zum einzelnen Nationalstaatskonstrukt die schlechtere Alternative wäre? Aber es ist erschreckend, wie viele genau das behaupten und auch zu glauben scheinen. An irgendeiner Stelle las ich heute sinngemäß: „Die EU ist das Versprechen eines dauerhaften Friedens. Aber dieses Versprechen reicht offenbar nicht mehr aus.“

Was zur Hölle kann denn bitte dagegen sprechen? Wollen wir wieder bewehrte, bewaffnete Grenzen von Land zu Land? Sind wir schon wieder so weit, dass es uns langweilt, wenn (in Europa) „nur“ Frieden herrscht? Und wer hat  denn in Großbritannien bitte gegen die EU gestimmt? Doch wohl die Generation, die mit dem Resultat am wenigsten lange leben muss und die sich eigentlich noch am besten zumindest an die Folgen eines Krieges erinnern kann. Sie verbauen den jüngeren Generationen die Freizügigkeit, die die EU-Mitgliedschaft bietet, sie wünschen sich wahrscheinlich das britische Empire von anno dunnemals zurück. Und prompt stehen die ganzen schlimmen Maden wie Wilders, Le Pen oder Höcke geifernd vor den Mikrofonen und fordern weitere Referenden. Und dieser widerliche Nigel Farage stellt sich allen Ernstes hin und behauptet, man habe den Umsturz geschafft, ohne eine einzige Kugel abzufeuern. Acht Tage nach der Ermordung von Jo Cox. Warum nicht ihren Angehörigen gleich offen ins Gesicht spucken?

Solche Leute haben es tatsächlich geschafft, Großbritannien zu spalten und die Leute . Ich hoffe inständig, dass es in anderen Ländern, unter anderem in Deutschland, nicht erst soweit kommen wird. Und dass wir dieses großartige Projekt, das die Europäische Union in meinen Augen wirklich ist und noch viel mehr sein könnte, nicht verlieren oder zerstören. Das wäre wahrlich von vielen Dummheiten, die sich die Menschheit leistet, eine der größten. Was ja offenbar auch etlichen Briten mittlerweile aufgegangen ist, die für „Leave“ gestimmt haben und es jetzt bereuen, weil das ja bedeutet, dass man die EU verlässt. Nun ja, das hat einem wieder keiner erklärt, oder wie? Diese Stimmen sind eigentlich ein gutes Beispiel dafür, dass manche Dinge nicht in einer Volksabstimmung geklärt werden sollten…

Bye Bye Spaceboy!

Künstler sind auch nur Menschen, egal wie berühmt sie sind. Und Menschen sterben, egal wie berühmt sie als Künstler sind.

Im besten Fall berühren Künstler unser Herz und ändern auf diese Weise vielleicht auch unser Leben – in kleinerem oder größerem Rahmen. Die meisten Menschen werden ungefähr eine Handvoll Künstler nennen können, auf die das zutrifft.

In meinem Fall war, nein ist, David Bowie ein solcher Künstler. Dabei hatten wir eigentlich einen schlechten Start. Als Kind und Jugendlicher nahm ich Bowie über die paar Songs wahr, die mehr oder weniger regelmäßig im Radio gespielt wurden – Anfang und Mitte der 90er-Jahre war das nicht unbedingt die beste Zeit, um ihn kennenzulernen. So tat ich ihn sträflicherweise als einen unter vielen ab und ließ Bowie Bowie sein.

Ändern sollte sich das erst in meinem Auslandssemester in England. Reisen bildet eben, und „schuld“ war mein Mitbewohner, der mich mit einem Album bekannt machte, das meine Meinung für immer verändern würde: The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars. Wie hatte ich so blind sein können? Warum hatte mir das vorher niemand erzählt? Innerhalb kürzester Zeit (und mit Anfang 20 zum Glück noch nicht zu spät) holte ich nach, was ich verpasst hatte und David Bowie war einer der wenigen Musiker, deren Musik ich nicht „nur“ gut fand, sondern die etwas bedeutete und mit der mich etwas verband. Allein schon in der WG in Birmingham, in der sich gleich mehrere „Bowie-Bekloppte“ aus halb Europa versammelt hatten und biertrinkend Ziggy Stardust und weiteren Meisterwerken lauschten. Was haben wir gelacht, als zwei aus dieser Runde im Campus-Radiosender saßen und sich, unter ausgedachten Namen in der Sendung eines befreundeten Moderators, mit Gitarre und Stimme an einem Ziggy-Stardust-Cover versuchten. Irgendwann ging ihnen der Text aus und sie improvisierten einfach weiter. Aber es war eben keine Verscheißerung, sondern eine naive Ehrerweisung, es kam von Herzen. Und war gerade deshalb so urkomisch.

Dieses Band zwischen Bowie und mir wurde nur wenige Monate nach meiner Rückkehr endgültig zu einem dicken, unzertrennlichen Tau – ich war Zeuge von David Bowies letztem Live-Auftritt. 2004 war das, beim Hurricane Festival. Seit nunmehr elfeinhalb Jahren bekomme ich jedes Mal Gänsehaut und wässrige Augen, wenn ich an dieses Konzert zurückdenke. Es ist schwer zu sagen, ob es das beste Konzert war, das ich je erlebt habe, aber es ist definitiv ganz vorne mit dabei. Und die Tatsache, dass es sein letztes war, hebt das Erlebnis natürlich noch weiter an, quasi zum Mythos. Beim Rolling Stone kann man aktuell noch einmal die Setlist des Abends (unfassbar viele Hits) nachlesen und einige Videos anschauen.

In den nächsten Jahren wurde es also, zunächst gesundheitsbedingt, stiller um den großen Mann des Pop. In der Öffentlichkeit tauchte er nur noch selten auf, von neuer Musik oder gar Konzerten war nicht auszugehen. Bis dann 2013 plötzlich ein neues Album da war. Noch einmal keimte da die Hoffnung auf, diesen einzigartigen Mann noch einmal live erleben zu können. Denn während ich bei vielen Acts angesichts immer weiter steigender Ticketpreise des Öfteren dankend abwinke – für Bowie hätte ich bedenkenlos investiert.

Ein Konzert ist es dann tatsächlich mangels Tour nie wieder geworden. Aber ich hatte das große Glück, 2014 in Berlin die großartige Ausstellung über sein Leben und Schaffen sehen zu können. Viel näher konnte man ihm als Normalsterblicher nicht kommen, was ja auch irgendwie gut so ist. Der Mann war eben nicht zu fassen, was diese Ausstellung noch einmal auf beeindruckende Weise zeigte.

Das Ausstellungsposter ziert seit diesem Ausflug unsere Wohnzimmerwand. Präsent ist Bowie in diesem Haushalt ohnehin, nicht zuletzt durch zahlreiche Tonträger. Und das wird er auch weiterhin bleiben. Denn wie schreibt Arno Frank auf Spiegel Online in seinem Nachruf so schön: „Dass David Bowie gestorben sein soll, ist wirklich ein geschmackloses Gerücht. Tatsächlich hat er sich auf den Weg zurück zu seinem Heimatplaneten gemacht. Er hat wohl einfach angefangen, sich hier unten zu langweilen.“
Das klingt doch tröstlich. Und bis zu seiner Rückkehr erinnern wir uns einfach an Momente wie diese:

Premieren 2015

Auch in diesem Jahr gab es wieder Dinge, die ich zum ersten Mal gesehen, getan und erlebt habe. Es mögen insgesamt weniger Dinge gewesen sein als in vergangenen Jahren; dafür war die eine oder andere „einschneidende“ Sache dabei, die mich noch länger begleiten wird.

Ganz besonders gilt das für einen Notarbesuch, Finanzierungsgespräche, einen Umzug per Unternehmen zu machen (sehr empfehlenswert!), Handwerkerverhandlungen und -beauftragungen etc. Und letztlich auch für: das erste Mal seit dem Auszug bei den Eltern keine Miete mehr zahlen. Dafür geht das Geld halt woanders hin. Auch was neues. Man kann sich ja denken, wo das dann alles hingeführt hat…

Begleiten wird mich auch eine andere Premiere dieses Jahres: Discgolf. Im Frühjahr das erste Mal gespielt und direkt abhängig geworden. Ein großer Spaß!

Zumindest in der Erinnerung (und auf den zahlreichen Fotos) bleiben auch einige geographische Premieren. Schottland (dort unter anderem zum ersten Mal gemacht: ein Auto mit Rechtslenker fahren, Haggis essen, sich mit Schafen die Straße teilen) und Paris fallen da als erstes ein, aber auch der Moselsteig.

Und auch zuhause in Dortmund gab es die eine oder andere Premiere. Ich war zum ersten Mal bei einem Streed Food Market und bei einem Wohnzimmerkonzert. Beides ist genauso empfehlenswert wie eine Nachtwächter-Führung durch Dortmund-Hörde. Die gab es in diesem Jahr auch. Und auch Schwarzlicht-3D-Minigolf hatte ich bis zu diesem Sommer noch nie gespielt. Auch das kann ich empfehlen.

Anderthalb Ecken von der Haustür entfernt, genauer gesagt im Sauerland, haben wir in diesem Jahr außerdem was recht abgefahrenes zum ersten Mal gemacht: Zorbing, oder auch Ultraball. Ganz simpel gesagt rollt man dabei in einem großen, luftgepolsterten Ball einen Berg runter. Hat viel Spaß gemacht, muss man aber nicht trotzdem ständig wiederholen.

Möglicherweise habe ich das eine oder andere vergessen, aber dennoch: 2016 kann anrollen! Guten Rutsch und ein schönes Jahr 2016!

 

Wo ist das Grau?

Schwarz oder weiß, gut oder schlecht, klug oder blöd, netter Mensch oder totales Arschloch. Dazwischen gibt es: nichts.

Könnte man zumindest meinen, wenn man sich regelmäßig Medien und soziale Netzwerke zu Gemüte führt. Aktuelles Beispiel: Die Abstimmung über die Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Spiele*. Die Bürger Hamburgs und Kiels haben sich mit einer knappen Mehrheit gegen die Bewerbung entschieden. In einem demokratischen Prozess, demokratischer geht es gar nicht. Als Folge dessen wird sich Hamburg also nicht um die Spiele bewerben.

Und schon geht es los, so verlässlich, dass man die Uhr danach stellen konnte: Befürworter der Bewerbung kotzen sich über diejenigen aus, die sie ablehnen. Alles verklärte, weltfremde Idioten, die keine Visionen für die Zukunft haben, den Sport kaputt machen, Hamburg und Deutschland sowieso, Angst haben und überhaupt. Natürlich wird auch die Terrorkarte ganz geschmackssicher mit auf den Tisch geworfen, und, für mich persönlich der Gipfel, die Flüchtlings“krise“. Ich warte geradezu auf den ersten, der schrei(b)t: „Wegen der Flüchtlinge bekommen wir kein Olympia!“ (Oder hat schon einer, und ich habe es nur nicht mitbekommen?)

Sicher gibt es auch sachliche Analysen der Situation, kluge Bewertungen, warum sich der eine so, der andere so entschieden hat. Aber: Sie gehen im Geschrei unter. „Dank“ der sozialen Netzwerke geht das natürlich auch schneller, als mögliche Gründe zu analysieren, wie es beispielsweise bei Spiegel Online geschehen ist.

Mit geht es hier übrigens nicht darum, einseitig auf die Olympia-Befürworter einzudreschen. Wäre die Abstimmung anders ausgegangen, wäre es möglicherweise ähnlich gewesen, nur eben in die andere Richtung. Was mich aber stört ist dieses generelle Abkanzeln – wer etwas nicht so macht, wie ich das will, ist ein Blödmann. Mir fehlen da einfach die Zwischentöne, moderate Stimmen, die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß. Mit Argumenten diskutieren scheint mir in vielen Fällen aus der Mode gekommen zu sein. Das kann man im Übrigen nicht nur an solch „großen“ Beispielen festmachen, sondern auch an eher „kleineren“ im Alltag. Warum sich schließlich auch mit (möglicherweise sogar vernünftigen!) Argumenten auseinander setzen, wenn ich doch genau weiß, dass ich auf jeden Fall und unumstößlich Recht habe! Das hält doch nur auf. Ich persönlich finde das sehr ermüdend und würde mir wünschen, dass sich dieser Trend wieder umkehrt. Ich bin allerdings pessimistisch genug, um selbst zu wissen, dass das höchstwahrscheinlich ein Wunsch bleiben wird…

 

PS: Zu Olympia habe ich tatsächlich keine dezidierte Meinung. Sicherlich wäre es toll, die Spiele einmal fast vor der Haustür mitzuerleben. Andererseits finde ich die Umstände, unter denen Ereignisse wie Olympia vergeben werden, und die Bedingungen, die den Bewerberstädten aufgezwängt werden, äußerst befremdlich. Als Hamburger hätte ich vermutlich auch eher mit nein gestimmt – nicht zuletzt wenn die Finanzierung so unklar ist wie zurzeit. Und da sind ja die Bestechungsgelder vermutlich noch gar nicht mit eingerechnet… Scherz beiseite, ich kann Argumente dafür und dagegen nachvollziehen. Daher wären etwas mehr Grautöne in der „Diskussion“ bestimmt nicht verkehrt.

 

*kleiner Exkurs: Hamburg hat sich NICHT für die Olympiade beworben, sondern für die Olympischen Spiele. Die Olympiade ist nämlich die Zeit ZWISCHEN den Olympischen Spielen. Solange das aber selbst in etablierten Medien durcheinander geworfen wird