Archiv der Kategorie: Gelesen

Gelesen: Quartalsbericht Literatur

Das erste Drittel des Jahres ist schon wieder (fast) vorbei – Zeit, auf die gelesenen Bücher zu blicken.

Den Anfang hat dieses Jahr der amtierende Träger des Nobelpreises für Literatur, Kazuo Ishiguro gemacht. Und zwar gleich doppelt: Nach „The remains of the day“ habe ich direkt „Never let me go“ hinterher gelesen. Und ich muss sagen, ich hatte mit beiden so meine Schwierigkeiten. Auf der einen Seite ist das sprachlich (im englischen Original) wunderschön, das Lesen an sich macht viel Freude. Von der Handlung kann ich das leider nur bedingt behaupten. Es passiert, zumindest lange Zeit, wenig bis nichts; dann führt Ishiguro den Leser seitenlang zu einem scheinbar größeren Ereignis hin, das sich dann aber doch als eher kleines Detail entpuppt. „Never let me go“ nimmt allerdings immerhin zum Ende hin ein wenig Fahrt auf, was ich von „The remains of the day“ leider nicht behaupten kann. Das Fazit fällt also eher gemischt aus.

Wesentlich positiver fällt das für „Die Geschichte eines neuen Namens“ von Elena Ferrante aus. Der zweite Teil der Geschichte um die Freundschaft zwischen Elena und Lila ist genauso fesselnd wie der erste – hier sind wir Zeugen ihres Lebens im Übergang von Jugendlichen zu jungen Erwachsenen. Seit der Hochzeit von Lila zum Schluss des ersten Bands driften die Lebenswege (und alles, was dazu gehört) der beiden jungen Frauen immer weiter auseinander, aber ganz los kommen beide trotz allem nicht voneinander. Und um sie herum passieren natürlich allerhand große und kleine Dramen, die irgendwie immer vor allem mit Lila zu tun haben. Wie schon Buch 1 habe ich auch diesen Teil wieder ziemlich verschlungen – und ich habe mir vorgenommen, nicht wieder etwa ein Jahr bis zum nächsten Band verstreichen zu lassen.

Ein großartiges Buch ist auch „ Tyll“ von Daniel Kehlmann. Dessen „Die Vermessung der Welt“ habe ich geliebt, und auch „Ich und Kaminski“ fand ich richtig gut. „Tyll“ versetzt nun die legendäre Figur Till Eulenspiegel – hier Tyll Ulenspiegel – in die Zeit des 30-jährigen Kriegs. Wie schon bei der „Vermessung“ verwebt Kehlmann geschickt reale Ereignisse und Fiktion, historische Begebenheiten mit erfundenen Personen. In Episoden spinnen sich dem Anschein nach viele verschiedene Figuren und Handlungsstränge, die aber immer wieder an einer zentralen Figur zusammenlaufen: Tyll ist immer irgendwie im Mittelpunkt und das verbindende Element. „Tyll“ ist eine große Erzählung, manchmal zum Schreien komisch, die aber auch eindrücklich die Grausamkeit der damaligen (Kriegs-)Zeit beschreibt. Und oft kann man tatsächlich auch Parallelen zur heutigen Gesellschaft ziehen. Und gleich noch ein Bonus: Kehlmanns Sprache. Wohl wenige aktuelle Autoren schreiben so wunderbar. Ich hatte an vielen Stellen das dringende Bedürfnis, ganze Passagen abzufotografieren. Manchmal habe ich es auch gemacht… (Verfechter der deutschen Sprache müssen jetzt stark sein)

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„Das ist der Algorithmus, wo man mit muss!“ In der Zukunft spielt „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling. Nach unzähligen wunderbaren Känguru-Geschichten ist das jetzt ein ebenso lakonisch verfasster Roman darüber, wie unsere Gesellschaft in einer gar nicht mal allzu fernen Zukunft aussehen könnte. Das ist, wie schon die Geschichten um das Känguru, im Vordergrund oft witzig – wenn man aber drüber nachdenkt, steckt oft mehr dahinter, und das Lachen bleibt einem das eine oder andere Mal im Halse stecken.

Und übrigens: Der Online-Shop von Marc-Uwe Kling, in dem es natürlich auch „QualityLand“ zu kaufen gibt, ist jeden Euro wert, den man da ausgeben kann. Warum? Steht auf der Seite!

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Komma weg da!

„Finanzbeamte zu überzeugen, macht Spaß.“

„So plump aufzuhören, ist ziemlich dumm.“

„Die Meisterschaft zu gewinnen, war großartig.“

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Bitte diese Sätze einmal laut vorlesen. Natürlich inklusive der kurzen Pause, die das Komma an der jeweiligen Stelle impliziert. Klingt komisch, oder? Ja, klingt komisch, weil die Kommasetzung zumindest fragwürdig ist. Allem Anschein nach ist das aber gerade schwer in Mode, denn solche und ähnliche Sätze lese ich nahezu täglich. Aber nicht nur bei solchen Sätzen geht der Trend momentan offenbar zu mehr Kommata, die niemand braucht. Es scheint, als hätten die Leute zu viele Kommata übrig (zumindest die meisten; einige scheinen auch gar keine zu haben…)

Der Duden gewährt zwar bei diesen Satzkonstruktionen einen „gewissen Freiraum“ – aber mal ganz ehrlich, man lässt doch lieber ein unnötiges Komma weg als eins zu viel zu setzen, oder? „Finanzbeamte zu überzeugen“ könnte man im ersten Satz einfach durch „Spielen“ ersetzen, die Satzkonstruktion bliebe unverändert – und da würde doch wohl niemand ein Komma setzen, oder? Na also!

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„Doch dort geht es ganz anders zu, als erwartet.“

Eine noch schlimmere „Modeerscheinung“: Vor jedes, aber auch wirklich jedes „als“ wird ein Komma geprügelt. Und das ist tatsächlich grammatikalisch falsch, wie der Duden sogar schönerweise u.a. mit exakt dieser Konstruktion erläutert:

1. Wenn diese Konjunktionen nur Wörter oder Wortgruppen (ohne Verb) einleiten, setzt man kein Komma <§ 74 E3>.

  • Die Wunde heilte besser als erwartet.
  • Wir haben mehr Stühle als nötig.
  • Die neuen Geräte gingen weg wie warme Semmeln.
  • Wie schon bei den ersten Verhandlungen konnte auch diesmal keine Einigung erzielt werden.“

Aber nichtsdestotrotz begegnet einem diese Art von Kommasetzung öfter, als es einem lieb sein könnte. Ha! HIER darf das Komma stehen, nein, es muss es sogar.

„Fun“ Fact: Bis auf den Satz von der Meisterschaft (den habe ich bei Spox gefunden) stammen alle Zitate von Spiegel Online. Ich will SpOn damit in keinster Weise ans Bein pinkeln, sondern vielmehr zeigen: Wenn bei einem solchen Medium solche Schreibweise und/oder Fehler zur Regel werden, ist das bei „kleineren“ Medien oft – nicht immer! – noch eklatanter. Von Briefen, E-Mails oder sogar sozialen Netzwerken will ich gar nicht erst anfangen…

Die Alltag und Kultur Awards: Bücher 2017

Mit einem Ranking für Bücher tue ich mich immer schwer. Denn das „Themenspektrum“ der gelesenen Bücher ist ziemlich groß, wodurch sich die einzelnen Werke kaum vergleichen lassen. 2017 waren zwar hauptsächlich Romane unter meinen gelesenen Büchern, aber auch einige (Auto-)Biographien und im weiteren Sinne Sachbücher.

Einen klaren Favoriten kann ich dennoch nennen. Über die Anziehungskraft und Qualität von Hanya Yanagihara’s Roman „A little life“ habe ich bereits im Frühjahr (?) ausführlich und begeistert berichtet, und daran hat sich auch im Rückblick nichts geändert. Tatsächlich spukt mir die Geschichte immer noch ab und zu im Kopf herum. Klar, es ist ein vielerlei Hinsicht gewaltiges Buch, weshalb man es vielleicht nicht öfter mal zur Hand nimmt – aber schon lange hat mich kein Buch mehr so nachhaltig beeindruckt.

Ganz anders und sehr schön ist Tobi Katzes neues Buch „Immer schön die Ballons halten“. Nun gut, man nenne mich befangen – schließlich kenne ich Tobi persönlich. Und gerade dann hofft man ja umso mehr, dass das neue Buch wieder toll wird. Das hat er auf jeden Fall geschafft! Es ist nachdenklich, lustig, traurig und ich konnte einige  Situationen, in die die Hauptdarstellerin gerät, sehr gut nachempfinden. Und nicht zuletzt ist Tobi der einzige mir bekannte Schriftsteller, der das wunderbare Wort „Schlonz“ verwendet. Allein schon dafür lohnt sich die Lektüre des Buchs!

Darüber hinaus habe ich „Grant & I“ vom von mir sehr geschätzten Robert Forster sehr gerne gelesen. Er beschreibt in dieser Autobiographie den Weg der großartigen Go-Betweens, die irgendwie immer kurz vorm Durchbruch standen, diesen aber nie wirklich erleben durften, und das Zusammenleben mit seinem Freund und Bandkollegen Grant McLennan. Das alles ist toll und sehr warmherzig geschrieben – angesichts der Songs von Forster eigentlich auch kein Wunder.

Eine etwas andere Art „Musikerbiographie“ ist „Meet me in the bathroom“ von Lizzy Goodman. Anhand von Zeitzeugen-Zitaten rekonstruiert sie die Jahre 2000-2011 (ungefähr) der New Yorker Musikszene – der Schwerpunkt liegt dabei auf den Strokes, die alles mehr oder weniger ins Rollen brachten. Eine sehr kurzweilige Herangehensweise an ein (für New-York- und besonders Musikfans) spannendes Thema. Apropos Musik: Da ist auch „I was britpopped“ von Jenny Natasha und Tom Boniface-Webb sehr empfehlenswert. Eine Art Enzyklopädie des Britpop, also genau das richtige für mich!

Ein großes Lesevergnügen ist „Saturday Night Biber“ von Anja Rützel, deren Texte ich ja sowieso gerne lese. Rützel ließ sich zur Biber-Beraterin ausbilden, berichtet von ihrer Freundschaft zum Ameisenbär Ernst-Einar oder erklärt, warum Schabi Alonso und der Schab von Persien ideale Haustiere sind. Nicht-alltägliche Tiergeschichten, nach denen man sich sowohl klüger als auch bestens unterhalten fühlt!

Sehr gut gefallen hat mir auch das viel gelobte „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante. Da werde ich bald mal in die Fortsetzung einsteigen. Eine spannende und auch ziemlich traurige Geschichte, gerade weil sie keine Fiktion ist, war auch das Buch „Football Leaks“ von Rafael Buschmann und Michael Wulzinger über die Machenschaften rund um das Geschäft Fußball.

Toll war auch wieder einmal T.C. Boyle, selbst wenn „The Terranauts“ nicht sein bestes Buch ist. Ähnlich ging es mir auch mit „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood; hat mir gut gefallen, aber die MaddAddam Trilogie fand ich noch besser. In Reihenfolge des Lesens kommen abschließend noch weitere Bücher, die ich 2017 mit Genuss gelesen habe. Don Winslow: „The Power of the Dog“, „The Cartel“; Robert Seethaler: „Die weiteren Aussichten“; Bill Bryson: „The Road to Little Dribbling“; Ronald Reng: „Mroskos Talente“; Jonathan Safran Foer: „Here I Am“; Axel Hacke: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Erfreulicherweise kann ich mich an kein Buch erinnern, dass mir überhaupt nicht gefallen hat. Das spricht für eine gute Vorauswahl!

Als letztes Buch habe ich 2017 eines des aktuellen Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro angefangen und lese (natürlich) immer noch daran. Bis jetzt kann ich über „The Remains of the Day“ noch nicht allzu viel sagen, außer: Ich kann nach einigen Seiten ganz gut einschlafen… Mal sehen, was da noch kommt.

Von den Freuden und Tücken eines mitreißenden Buchs

Kürzlich habe ich A little life von Hanya Yanagihara zu Ende gelesen und habe schon jetzt – immerhin ist ja gerade erst Mai, beendet habe ich das Buch Mitte April – das Gefühl, mein persönliches Buch des Jahres gelesen zu haben. Mindestens. Es geht (grob) um das Leben von vier sehr unterschiedlichen Männern, die sich am College kennen lernen, enge Freunde werden und nach dem Abschluss gemeinsam nach New York ziehen, um dort zu leben und zu arbeiten. Klingt jetzt erst einmal gar nicht so spektakulär, ist es aber! Auch, weil einer der vier eine sehr schlimme Geschichte mit sich herumträgt, von der die anderen sehr lange so gut wie nichts wissen, die aber natürlich immer präsent ist – zunächst eher im Hintergrund und andeutungsweise, später immer deutlicher und in schmerzhaft detaillierten Rückblenden. Und natürlich entwickeln sich im Laufe der Zeit auch die Lebenswege und Beziehungen der vier untereinander ständig weiter und in andere Richtungen.

Viel mehr will ich hier von der Handlung auch gar nicht verraten, denn ich empfehle das Buch hiermit ausdrücklich weiter. Es hat mich unglaublich gefesselt und in seinen Bann gezogen. Was übrigens manchmal auch durchaus problematisch war – in der einen oder anderen Nacht hatte ich Schlafprobleme, weil mich die Story einfach nicht losgelassen hat. Yanagihara hat es geschafft, mich dermaßen mitzunehmen, dass ich teilweise echt Schwierigkeiten hatte, mich von der Story zu lösen. Nicht einmal unbedingt, weil ich das Buch nicht weglegen konnte. Das fiel mir zwar schwer, habe ich mir aber mittlerweile einigermaßen anerzogen.  Sondern weil mich das Geschehene auch danach noch so beschäftigt hat, dass ich beim besten Willen nicht einschlafen konnte.

A little life ist keine leichte Kost, das kann man wirklich nicht sagen. Yanagihara färbt nichts schön, die Rückblenden sind oft schmerzlich klar formuliert, ohne dabei aber übertrieben zu wirken. Vielleicht ist das gerade das meisterhafte daran: Man kann sich ziemlich genau vorstellen, dass so etwas genau so passieren kann. Dennoch ist dieses Buch wunderschön, denn an vielen Stellen widerfahren dieser Person, die ein so schweres Leben gehabt hat (und hat) und die mit fortlaufender Dauer immer mehr zum Protagonisten wird – auch wenn die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird – wirklich schöne, glückliche Momente und Dinge, und man denkt: Ja, das ist richtig, das hast du verdient!

Ich merke gerade, wenn ich weiter schreibe, verrate ich doch mehr vom Inhalt, als ich eigentlich möchte. Also belasse ich es an dieser Stelle dabei. Was ich eigentlich sagen möchte: Kauft A little life (auf deutsch: Ein wenig Leben, die Übersetzung soll wohl sehr gut sein) von Hanya Yanagihara und lest es! Es bringt einen zum lachen, zum nachdenken und überlegen,  zum innehalten und manchmal auch zum weinen. Aber vor allem ist es ein wunderbares Buch!

Alltag und Kultur Awards 2016: Die Bücher

2016 war ein Lesejahr. Überhaupt, lesen: toll! Ich werde schon immer leicht nervös, wenn ich mich dem Ende des letzten noch nicht gelesenen Buchs auf meinem Tolino nähere – dann muss möglichst schnell Nachschub her. Aktuell bin ich zum Glück versorgt, und das Jahr startet, wie es für mich literarisch kaum besser könnte: mit dem neuen Buch von T.C. Boyle, einem meiner Lieblingsautoren (na gut, angefangen habe ich damit schon Ende 2016): The Terranauts. Ich bin ca. zu drei Vierteln durch und kann es schon empfehlen. Wie eigentlich alles von ihm.

Im vergangenen Jahr hat es lesetechnisch auch richtig gut angefangen. Gestartet bin ich mit Karlheinz von Billy Hutter, einem in vielerlei Hinsicht merkwürdigen Buch. Vor allem aber ist es gut! Genauso wie ich folgende Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe, guten Gewissens weiterempfehlen kann und möchte:

Ein Nachtrag zum doppelt auftauchenden Robert Seethaler: Den habe ich im vergangenen Jahr für mich entdeckt – irgendwo wurde Der Trafikant empfohlen und ich habe es gekauft. Und gelesen und geliebt. Beide seiner Bücher in meiner Liste sind sprachlich so toll – schnörkellos und fast schon knapp erzählt, und doch ausdrucksvoll und so präzise, dass man sich förmlich als Teil der Geschichte wähnt. Und beide haben mir so gut gefallen, dass es für die direkt danach kommenden Bücher richtig schwer war, mich zu begeistern. Ein drittes Buch von ihm liegt schon bereit, und das wird bestimmt nicht das letzte gewesen sein!

Natürlich waren auch ein paar weniger tolle Bücher dabei, aber es gab dann doch nur eins, das ich abgebrochen habe: A Brief History Of Seven Killings von Marlon James. Wurde in mehreren Buchhandlungen empfohlen, der Klappentext las sich auch gut. Aber ich komme bisher nicht damit zurecht. Hauptsächlich liegt das an dem jamaikanischen Slang, in dem das Buch geschrieben ist, den finde ich wahnsinnig anstrengend zu lesen. Aber ich nehme bestimmt noch einmal einen neuen Anlauf!

Lektüretipps – Sommerausgabe

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, fast nur noch gute Bücher zu lesen. Das könnte für meine penible Auswahl sprechen, bei der ich sorgfältig darauf achte, nur Qualitätsware zu kaufen, die von mir vertrauenswürdig erscheinenden Experten mit Lobpreisungen bedacht wurde. Haha! Naja. Vielleicht liegt es auch an meiner persönlichen Filterblase, die mögliche schlechte Bücher von vornherein ausschaltet. Oder ich habe einfach Glück.

2016 habe ich, soweit ich mich erinnere, jeweils noch kein schlechtes Buch gelesen. Und das übrigens auch dank eines Tipps eines Freunds. Der hat mir nämlich „New York“ von Edward Rutherfurd empfohlen. Und das kann ich nur bestätigen. Das nicht gerade schmale Buch (rund 1000 Seiten) erzählt die Geschichte New Yorks von der niederländischen Handelssiedlung bis zur heutigen Megacity, und zwar mit einer spannenden Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit. Der Leser begleitet verschiedene (fiktive) Familien durch die Jahrhunderte, deren Schicksale sich immer wieder aufs Neue miteinander verweben und mit realen Personen und Ereignissen der Zeitgeschichte interagieren. Das hat mich nicht nur ungemein gefesselt, sondern die Sehnsucht noch einmal gesteigert, diese Stadt erneut zu bereisen. Gerade wenn man schon einmal in New York war, kann man sich auch geographisch ganz wunderbar in diese tolle Story hineinversetzen. Für Fans der Stadt ist dieses Buch erst recht ein Muss, aber auch so ist der Roman absolut empfehlenswert.

In einer anderen Stadt, die ich unbedingt auch einmal bereisen möchte, spielt „Der Trafikant“ von Robert Seethaler. In diesem Buch geht es um den 17-jährigen Franz, der aus dem beschaulichen Idyll am Attersee nach Wien zieht. Dort arbeitet er in der Trafik eines Freundes seiner Mutter. Dort lernt er nicht nur alles über Zeitungen, Zigarren und die Vorlieben der Kunden – er lernt auch die Liebe, Sigmund Freud, das Grauen des Nationalsozialismus, die Abgründe der Menschen und das Leben überhaupt kennen. Unkonventionell und unbeirrbar bahnt er sich seinen Weg durchs Leben, das sich für ihn seit seiner Ankunft ständig und rasant verändert. Erzählt wird das Buch in einem klaren, etwas naiven Stil, ein bisschen den Gedanken der Hauptperson nachempfunden, die ja mitten in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen steckt. So entsteht eine wunderbare kleine Geschichte über einen ungewöhnlichen Romanhelden, die vor allem eins ist: schön. Und die Gespräche des 17-jährigen Provinz“burschis“ mit dem greisen Freud sind einfach bezaubernd komisch!

Kate Tempest kennen einige vielleicht als Poetin und Rapperin (nein, das ist kein Widerspruch!). Mit The Bricks That Built The Houses hat sie einen Debütroman geschrieben, der mindestens genauso rasant ist wie ihre Lyrics. Und wer ihre Songs kennt, ist auch schon einmal mit den Protagonisten des Buchs in Berührung gekommen. Die Leben von Becky, Harry, Pete und Leon werden in London auf wahnwitzige Weise miteinander verwoben, bis hin zum dramatischen Höhepunkt, bei dem es um viel, viel Geld und noch so einiges mehr geht.Tempest schreibt in einer metaphernreichen, tollen Sprache und in einem manchmal atemlosen Stil, der einen wirklich mitreißt. Ich würde, ohne die deutsche Übersetzung näher zu kennen, das Buch im Original empfehlen; sonst könnte zu viel verloren gehen. Es lohnt sich!

Als letzten Tipp gibt es ein Sachbuch, dass aber an vielen Stellen so spannend und amüsant wie ein Roman daherkommt: Cowboys and Indies von Gareth Murphy. Der Untertitel lautet „The Epic History of the Record Industry“, und das passt ziemlich gut. Murphy erzählt die Entstehungsgeschichte der Musikbranche von Beginn an, von der Erfindung der Technik zum Abspielen von Tonträgern bis zur heutigen Streamingtechnologie. Und das alles sehr detailliert, aber immer interessant, und natürlich haben die „Record Men“ eine ganze Menge spannende Geschichten zu erzählen. Es geht um die ganz großen Labels, aber auch „kleinere“, wie beispielsweise Rough Trade, werden ausführlich gewürdigt. Es ist unglaublich spannend, wie welche Einflüss auf die Musikindustrie einwirken und wie die Macher darauf reagieren. Von den Geschichten, wie manche Stars entdeckt wurden, mal ganz abgesehen. Das Buch ist zwar hauptsächlich aus einer britisch-amerikanischen Perspektive erzählt, aber letztlich sind diese Labels ja auch zwei der dominantesten Player auf dem weltweiten Musikmarkt (gewesen), und ihr Einfluss reicht ohnehin weit über die jeweiligen Ländergrenzen hinaus. Fazit: Wer sich für Musik und das dahinter stehende Business interessiert, sollte dieses Buch definitiv lesen.

Lektüretipps: Die Bücher im Januar

Direkt anschließend an den vorherigen Beitrag geht auch das Buchjahr 2016 schon wieder gut los. Dabei habe ich bisher zwei völlig gegensätzliche Bücher gelesen, die mich jedoch beide sehr überzeugen konnten.

Das erste, „Karlheinz“ von Billy Hutter, ist schon allein vom Typ her schwierig zu beschreiben. Ist es ein Roman, eine Dokumentation, eine Erzählung? Billy Hutter ist unter anderem Entrümpler in Ludwigshafen und erzählt sozusagen das Leben eines Mannes anhand seiner Hinterlassenschaft nach, die er bei einer Wohnungsentrümplung entdeckt hat. Auf diese Weise entsteht so etwas wie die Biographie eines an sich gar nicht sonderlich interessanten Menschen, aber aufgrund der Erzählweise von Hutter und der Verknüpfung mit seinem eigenen Leben und der Entwicklung Ludwigshafens fand ich das Buch dennoch sehr fesselnd. Ist vielleicht nicht für jeden das Richtige, aber ich fand es sehr gut, und es ist tatsächlich mal dieses ominöse „etwas anderes“.

Schon eher die „klassische“ Romanstruktur hat „The Interestings“ von Meg Wollitzer. Darin geht es um fünf New Yorker, die sich in den 1970er Jahren in einem Feriencamp für kreative und talentierte Jugendliche treffen und anfreunden. Sie nennen sich „The Interestings“ und als Leser begleitete man sie durch ihr weiteres Leben: Wie entwickelt sich ihr gemeinsames Leben, ihre Freundschaft, wer von ihnen hat Erfolg (was immer das auch sein könnte), was hält so unterschiedliche Menschen über Jahrzehnte verbunden, auch wenn sich ihre Situtationen zum Teil drastisch unterscheiden? Ein spannendes und berührendes Buch, das für mich nur schwer aus der Hand zu legen war und das immer wieder mit überraschenden Wendungen um die Ecke kommt. Bonuspunkt: Als New-York-Fan kann man auch die Handlungsorte (auch wenn das Buch über mehrere Jahrzehnte spielt) nachvollziehen; ich habe jedenfalls des öfteren zwischendurch mal Google Maps angeworfen.