Archiv der Kategorie: Gelesen

Von den Freuden und Tücken eines mitreißenden Buchs

Kürzlich habe ich A little life von Hanya Yanagihara zu Ende gelesen und habe schon jetzt – immerhin ist ja gerade erst Mai, beendet habe ich das Buch Mitte April – das Gefühl, mein persönliches Buch des Jahres gelesen zu haben. Mindestens. Es geht (grob) um das Leben von vier sehr unterschiedlichen Männern, die sich am College kennen lernen, enge Freunde werden und nach dem Abschluss gemeinsam nach New York ziehen, um dort zu leben und zu arbeiten. Klingt jetzt erst einmal gar nicht so spektakulär, ist es aber! Auch, weil einer der vier eine sehr schlimme Geschichte mit sich herumträgt, von der die anderen sehr lange so gut wie nichts wissen, die aber natürlich immer präsent ist – zunächst eher im Hintergrund und andeutungsweise, später immer deutlicher und in schmerzhaft detaillierten Rückblenden. Und natürlich entwickeln sich im Laufe der Zeit auch die Lebenswege und Beziehungen der vier untereinander ständig weiter und in andere Richtungen.

Viel mehr will ich hier von der Handlung auch gar nicht verraten, denn ich empfehle das Buch hiermit ausdrücklich weiter. Es hat mich unglaublich gefesselt und in seinen Bann gezogen. Was übrigens manchmal auch durchaus problematisch war – in der einen oder anderen Nacht hatte ich Schlafprobleme, weil mich die Story einfach nicht losgelassen hat. Yanagihara hat es geschafft, mich dermaßen mitzunehmen, dass ich teilweise echt Schwierigkeiten hatte, mich von der Story zu lösen. Nicht einmal unbedingt, weil ich das Buch nicht weglegen konnte. Das fiel mir zwar schwer, habe ich mir aber mittlerweile einigermaßen anerzogen.  Sondern weil mich das Geschehene auch danach noch so beschäftigt hat, dass ich beim besten Willen nicht einschlafen konnte.

A little life ist keine leichte Kost, das kann man wirklich nicht sagen. Yanagihara färbt nichts schön, die Rückblenden sind oft schmerzlich klar formuliert, ohne dabei aber übertrieben zu wirken. Vielleicht ist das gerade das meisterhafte daran: Man kann sich ziemlich genau vorstellen, dass so etwas genau so passieren kann. Dennoch ist dieses Buch wunderschön, denn an vielen Stellen widerfahren dieser Person, die ein so schweres Leben gehabt hat (und hat) und die mit fortlaufender Dauer immer mehr zum Protagonisten wird – auch wenn die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird – wirklich schöne, glückliche Momente und Dinge, und man denkt: Ja, das ist richtig, das hast du verdient!

Ich merke gerade, wenn ich weiter schreibe, verrate ich doch mehr vom Inhalt, als ich eigentlich möchte. Also belasse ich es an dieser Stelle dabei. Was ich eigentlich sagen möchte: Kauft A little life (auf deutsch: Ein wenig Leben, die Übersetzung soll wohl sehr gut sein) von Hanya Yanagihara und lest es! Es bringt einen zum lachen, zum nachdenken und überlegen,  zum innehalten und manchmal auch zum weinen. Aber vor allem ist es ein wunderbares Buch!

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Alltag und Kultur Awards 2016: Die Bücher

2016 war ein Lesejahr. Überhaupt, lesen: toll! Ich werde schon immer leicht nervös, wenn ich mich dem Ende des letzten noch nicht gelesenen Buchs auf meinem Tolino nähere – dann muss möglichst schnell Nachschub her. Aktuell bin ich zum Glück versorgt, und das Jahr startet, wie es für mich literarisch kaum besser könnte: mit dem neuen Buch von T.C. Boyle, einem meiner Lieblingsautoren (na gut, angefangen habe ich damit schon Ende 2016): The Terranauts. Ich bin ca. zu drei Vierteln durch und kann es schon empfehlen. Wie eigentlich alles von ihm.

Im vergangenen Jahr hat es lesetechnisch auch richtig gut angefangen. Gestartet bin ich mit Karlheinz von Billy Hutter, einem in vielerlei Hinsicht merkwürdigen Buch. Vor allem aber ist es gut! Genauso wie ich folgende Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe, guten Gewissens weiterempfehlen kann und möchte:

Ein Nachtrag zum doppelt auftauchenden Robert Seethaler: Den habe ich im vergangenen Jahr für mich entdeckt – irgendwo wurde Der Trafikant empfohlen und ich habe es gekauft. Und gelesen und geliebt. Beide seiner Bücher in meiner Liste sind sprachlich so toll – schnörkellos und fast schon knapp erzählt, und doch ausdrucksvoll und so präzise, dass man sich förmlich als Teil der Geschichte wähnt. Und beide haben mir so gut gefallen, dass es für die direkt danach kommenden Bücher richtig schwer war, mich zu begeistern. Ein drittes Buch von ihm liegt schon bereit, und das wird bestimmt nicht das letzte gewesen sein!

Natürlich waren auch ein paar weniger tolle Bücher dabei, aber es gab dann doch nur eins, das ich abgebrochen habe: A Brief History Of Seven Killings von Marlon James. Wurde in mehreren Buchhandlungen empfohlen, der Klappentext las sich auch gut. Aber ich komme bisher nicht damit zurecht. Hauptsächlich liegt das an dem jamaikanischen Slang, in dem das Buch geschrieben ist, den finde ich wahnsinnig anstrengend zu lesen. Aber ich nehme bestimmt noch einmal einen neuen Anlauf!

Lektüretipps – Sommerausgabe

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, fast nur noch gute Bücher zu lesen. Das könnte für meine penible Auswahl sprechen, bei der ich sorgfältig darauf achte, nur Qualitätsware zu kaufen, die von mir vertrauenswürdig erscheinenden Experten mit Lobpreisungen bedacht wurde. Haha! Naja. Vielleicht liegt es auch an meiner persönlichen Filterblase, die mögliche schlechte Bücher von vornherein ausschaltet. Oder ich habe einfach Glück.

2016 habe ich, soweit ich mich erinnere, jeweils noch kein schlechtes Buch gelesen. Und das übrigens auch dank eines Tipps eines Freunds. Der hat mir nämlich „New York“ von Edward Rutherfurd empfohlen. Und das kann ich nur bestätigen. Das nicht gerade schmale Buch (rund 1000 Seiten) erzählt die Geschichte New Yorks von der niederländischen Handelssiedlung bis zur heutigen Megacity, und zwar mit einer spannenden Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit. Der Leser begleitet verschiedene (fiktive) Familien durch die Jahrhunderte, deren Schicksale sich immer wieder aufs Neue miteinander verweben und mit realen Personen und Ereignissen der Zeitgeschichte interagieren. Das hat mich nicht nur ungemein gefesselt, sondern die Sehnsucht noch einmal gesteigert, diese Stadt erneut zu bereisen. Gerade wenn man schon einmal in New York war, kann man sich auch geographisch ganz wunderbar in diese tolle Story hineinversetzen. Für Fans der Stadt ist dieses Buch erst recht ein Muss, aber auch so ist der Roman absolut empfehlenswert.

In einer anderen Stadt, die ich unbedingt auch einmal bereisen möchte, spielt „Der Trafikant“ von Robert Seethaler. In diesem Buch geht es um den 17-jährigen Franz, der aus dem beschaulichen Idyll am Attersee nach Wien zieht. Dort arbeitet er in der Trafik eines Freundes seiner Mutter. Dort lernt er nicht nur alles über Zeitungen, Zigarren und die Vorlieben der Kunden – er lernt auch die Liebe, Sigmund Freud, das Grauen des Nationalsozialismus, die Abgründe der Menschen und das Leben überhaupt kennen. Unkonventionell und unbeirrbar bahnt er sich seinen Weg durchs Leben, das sich für ihn seit seiner Ankunft ständig und rasant verändert. Erzählt wird das Buch in einem klaren, etwas naiven Stil, ein bisschen den Gedanken der Hauptperson nachempfunden, die ja mitten in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen steckt. So entsteht eine wunderbare kleine Geschichte über einen ungewöhnlichen Romanhelden, die vor allem eins ist: schön. Und die Gespräche des 17-jährigen Provinz“burschis“ mit dem greisen Freud sind einfach bezaubernd komisch!

Kate Tempest kennen einige vielleicht als Poetin und Rapperin (nein, das ist kein Widerspruch!). Mit The Bricks That Built The Houses hat sie einen Debütroman geschrieben, der mindestens genauso rasant ist wie ihre Lyrics. Und wer ihre Songs kennt, ist auch schon einmal mit den Protagonisten des Buchs in Berührung gekommen. Die Leben von Becky, Harry, Pete und Leon werden in London auf wahnwitzige Weise miteinander verwoben, bis hin zum dramatischen Höhepunkt, bei dem es um viel, viel Geld und noch so einiges mehr geht.Tempest schreibt in einer metaphernreichen, tollen Sprache und in einem manchmal atemlosen Stil, der einen wirklich mitreißt. Ich würde, ohne die deutsche Übersetzung näher zu kennen, das Buch im Original empfehlen; sonst könnte zu viel verloren gehen. Es lohnt sich!

Als letzten Tipp gibt es ein Sachbuch, dass aber an vielen Stellen so spannend und amüsant wie ein Roman daherkommt: Cowboys and Indies von Gareth Murphy. Der Untertitel lautet „The Epic History of the Record Industry“, und das passt ziemlich gut. Murphy erzählt die Entstehungsgeschichte der Musikbranche von Beginn an, von der Erfindung der Technik zum Abspielen von Tonträgern bis zur heutigen Streamingtechnologie. Und das alles sehr detailliert, aber immer interessant, und natürlich haben die „Record Men“ eine ganze Menge spannende Geschichten zu erzählen. Es geht um die ganz großen Labels, aber auch „kleinere“, wie beispielsweise Rough Trade, werden ausführlich gewürdigt. Es ist unglaublich spannend, wie welche Einflüss auf die Musikindustrie einwirken und wie die Macher darauf reagieren. Von den Geschichten, wie manche Stars entdeckt wurden, mal ganz abgesehen. Das Buch ist zwar hauptsächlich aus einer britisch-amerikanischen Perspektive erzählt, aber letztlich sind diese Labels ja auch zwei der dominantesten Player auf dem weltweiten Musikmarkt (gewesen), und ihr Einfluss reicht ohnehin weit über die jeweiligen Ländergrenzen hinaus. Fazit: Wer sich für Musik und das dahinter stehende Business interessiert, sollte dieses Buch definitiv lesen.

Lektüretipps: Die Bücher im Januar

Direkt anschließend an den vorherigen Beitrag geht auch das Buchjahr 2016 schon wieder gut los. Dabei habe ich bisher zwei völlig gegensätzliche Bücher gelesen, die mich jedoch beide sehr überzeugen konnten.

Das erste, „Karlheinz“ von Billy Hutter, ist schon allein vom Typ her schwierig zu beschreiben. Ist es ein Roman, eine Dokumentation, eine Erzählung? Billy Hutter ist unter anderem Entrümpler in Ludwigshafen und erzählt sozusagen das Leben eines Mannes anhand seiner Hinterlassenschaft nach, die er bei einer Wohnungsentrümplung entdeckt hat. Auf diese Weise entsteht so etwas wie die Biographie eines an sich gar nicht sonderlich interessanten Menschen, aber aufgrund der Erzählweise von Hutter und der Verknüpfung mit seinem eigenen Leben und der Entwicklung Ludwigshafens fand ich das Buch dennoch sehr fesselnd. Ist vielleicht nicht für jeden das Richtige, aber ich fand es sehr gut, und es ist tatsächlich mal dieses ominöse „etwas anderes“.

Schon eher die „klassische“ Romanstruktur hat „The Interestings“ von Meg Wollitzer. Darin geht es um fünf New Yorker, die sich in den 1970er Jahren in einem Feriencamp für kreative und talentierte Jugendliche treffen und anfreunden. Sie nennen sich „The Interestings“ und als Leser begleitete man sie durch ihr weiteres Leben: Wie entwickelt sich ihr gemeinsames Leben, ihre Freundschaft, wer von ihnen hat Erfolg (was immer das auch sein könnte), was hält so unterschiedliche Menschen über Jahrzehnte verbunden, auch wenn sich ihre Situtationen zum Teil drastisch unterscheiden? Ein spannendes und berührendes Buch, das für mich nur schwer aus der Hand zu legen war und das immer wieder mit überraschenden Wendungen um die Ecke kommt. Bonuspunkt: Als New-York-Fan kann man auch die Handlungsorte (auch wenn das Buch über mehrere Jahrzehnte spielt) nachvollziehen; ich habe jedenfalls des öfteren zwischendurch mal Google Maps angeworfen.

Die Alltag und Kultur Awards 2015: Bücher

Eigentlich wollte ich das ganze Jahr über eine Liste aller 2015 gelesenen Bücher anlegen. Bis ungefähr zur Hälfte des Jahres habe ich auch über alle Gelesenen Buch geführt (höhöhö), aber dann kamen andere Dinge dazwischen. Nicht zwischen mich und das Lesen, aber das Listen führen ging über Bord.

Aber sei’s drum – empfehlen kann und möchte ich natürlich trotzdem einiges, denn unter den vielen 2015 gelesenen Büchern waren erfreulich viele Highlights dabei. Zum Beispiel

Etwas ratlos ließ mich Go Set A Watchman von Harper Lee zurück. „To Kill a Mockingbird“ war und ist ja ein Riesenbuch, aber dieses Buch ist irgendwie beim Lesen vorbeigegangen, ohne dass es nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Schade. Etwas enttäuscht war ich auch vom ersten Teil der Biographie von Bud Spencer – ein etwas zu eiliger Ritt durch seine Karriere, in dem viele spannende Dinge leider nur kurz angerissen werden.

Gänzlich abraten möchte ich vom Buch „Du sollst nicht lügen“ von Jürgen Schmieder. Obwohl ich dessen Artikel in der Süddeutschen Zeitung eigentlich meistens ganz gerne lese. Durch das Buch habe ich mich allerdings richtiggehend gequält. Ich glaube, der einzige Antrieb, es zu Ende zu lesen, war das Geld, das ich dafür ausgegeben habe…

Zwischen sehr gut und nicht gut gab es auch in diesem Jahr wieder etliche Bücher, die mir einfach gefallen haben, auch wenn sie sich vielleicht nicht für alle Ewigkeit ins Gedächtnis oder auf die Bestenlisten gebrannt haben. Aber das wichtigste haben sie geschafft: mich gut zu unterhalten. So soll das sein!

„Morgen ist leider auch noch ein Tag“ von Tobi Katze

Tobi Katze hat einen Roman geschrieben. Und Tobi Katze hat Depressionen.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Nun, der Roman handelt von Tobis Depressionen. Und ist dennoch ein Buch, das einen zum Lachen bringt. Kann das sein? Darf das sein? Das muss sein! Sage nicht ich, sondern Tobi Katze.

„Morgen ist leider auch noch ein Tag“ heißt das Buch, und neulich hatten wir das große Glück, Karten für die Premiere der Lesetour zu ergattern. Warum das etwas Besonderes ist? Zum Beispiel weil das hier einer der seltenen Fälle ist, wo ich mal sagen kann: Ich kannte den Autor schon, als ihn (als Autor) nur ganz wenige kannten. Seit wir uns 2001 (Mann, wie lange das her ist!) zum Studium in Dortmund trafen, haben sich die Locations, in denen ich ihn habe lesen sehen, langsam, aber stetig vergrößert – vom Poetry Slam in der Kneipe zur größeren Kneipe zu kleinen Räumen zu größeren Räumen… Und zack, jetzt ist das Theater Fletch Bizzel ausverkauft. Und wenn man den Verkaufszahlen folgt, ist das das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. 3. Auflage nach wenigen Wochen, aktuell Nr. 1 bei amazon im Bereich „Biografische Romane“, bei WDR2 sehr positiv besprochen – wie großartig ist das denn bitte!?

Und deshalb ist das was Besonderes. Ich freu mich darüber wie ein Schnitzel und war tatsächlich vor der Lesung ganz schön aufgeregt. Na gut, bestimmt nicht so aufgeregt wie Tobi, aber dennoch. Zumal ich das Buch noch nicht kannte, das wollte ich persönlich vor Ort kaufen. Und was soll ich sagen: Er hat’s famos hingekriegt! Jetzt kann man natürlich sagen: Klar, der ist ja auch ein Bühnenprofi. Stimmt ja auch, aber da wirkt eben nichts routiniert runtergespielt oder -gelesen, sondern: echt. Echt aufgeregt, echt überwältigt vom Zuspruch, echt erfreut und eben auch echt emotional beim Vortragen der Geschichte seiner Krankheit. Und außerdem: echt gut. Gut hat er’s gemacht, richtig gut. Das Publikum war zurecht begeistert, ich auch. Und das bei einem ja doch nicht ganz leichten Thema, denn auch wenn noch viel zu viele Menschen es immer noch klein reden: Depression ist eben gerade nicht „mal schlecht drauf sein“ und ist nicht mit einem „Lach doch mal wieder!“ oder „Ich bin auch manchmal schlecht drauf, das wird schon wieder!“ abgetan. Man ist eben nicht schlecht drauf, man ist einfach gar nicht drauf. Sozusagen nicht mal in der Lage dazu, schlecht drauf zu sein. All das beschreibt Tobi in seinem Buch sehr eindrücklich. Ergreifend, manchmal auch traurig, aber eben auch mit einer großen Portion Humor. Und auch daher ist das etwas Besonderes; is‘ eben so!

Haltet also Augen und Ohren offen und lasst euch die laufende bzw. kommende Lesetour nicht entgehen. Und: Kauft das Buch (oder das Hörbuch)! Es lohnt sich!

Lesen, hören, schauen (inkl. Song des Monats: Juni)

Was Schönes auf die Ohren und auf die Augen. Und manchmal auch für beides.

Lesen (und lesen lassen)

Moritz Rinke – Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Ein Sprössling einer Worpsweder Kunstfamilie führt in Berlin erfolglos eine Galerie. Kuriose Umstände zwingen ihn zu einer Rückkehr in den Ort seiner Kindheit, wo er sich um den Erhalt des Familienhauses zu kümmern hat, was im Moor zu versinken droht. Dabei stößt er nach und nach auf immer neue Ungereimtheiten in der Familiengeschichte und verzweifelt an ihnen, den Umständen und der Gesellschaft.

Dieses Buch war für mich ein Zufallsfund – was für ein Glück. Der Autor stammt tatsächlich aus Worpswede und verknüpft reale Personen und Ereignisse der Künstlerkolonie mit dem fiktionalen Handlungsstrang. Dabei ist das Buch gleichzeitig oft absurd komisch, traurig und nachdenklich, was zu einem großen Teil an den handelnden (Haupt)Personen liegt. Immer wieder spielen dabei auch die Beklemmungen eine Rolle, die der Ort bei seinen Bewohnern aufgrund seiner speziellen Geschichte und Tradition auslöst. (Ich „musste“ als Kind bzw. junger Jugendlicher mal mit meinen Eltern einen Urlaubstag in Worpswede verbringen und fand es seinerzeit ganz furchtbar, habe also etwas Verständnis dafür 😉 ) Trotzdem – oder gerade deshalb – kann ich das Buch wirklich empfehlen.

John Williams – Butcher’s Crossing

Nach dem überraschenden Erfolg von „Stoner“ – Jahrzehnte, nachdem das Buch veröffentlicht wurde – wurde nun auch dieses Buch neu aufgelegt. Es erzählt eine vollkommen andere Geschichte, nämlich, ganz grob gesagt, von Büffeljägern im Amerika des 19. Jahrhunderts (?), verfügt aber wie „Stoner“ über eine ganz entscheidende Stärke: die unglaublich schöne Schriftsprache Williams‘. Wie kaum ein zweiter schafft er es, vermeintlich belanglose oder nebensächliche Dinge so zu beschreiben, dass man das Buch (bzw. den Reader) gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Man wird gefesselt, auch wenn (scheinbar) gar nicht viel passiert. (Anmerkung: Ich habe das Buch in der englischen Originalfassung gelesen und weiß daher nicht, ob das auch in der deutschen Übersetzung so rüberkommt. Ich hoffe es!) Und bevor jetzt jemand denken könnte, in dem Buch passiere nichts: Dem ist natürlich nicht so! Die Story ist ebenfalls klasse!

William E. Bowman – Die Besteigung des Rum Doodle (Hörbuch, gelesen von Jürgen von der Lippe)

Noch so ein Zufallskauf. Wobei, über das Buch hatte ich schon einiges (gutes) gehört und gelesen, aber wie das dann so ist: aus den Augen/Ohren, aus dem Sinn. Als ich dann in meiner Lieblingsbuchhandlung über das günstige Hörbuch stolperte, zögerte ich nicht und habe es nicht bereut. Eine unglaublich skurrile Geschichte rund um die Besteigung des höchsten, gefährlichsten Gipfels der Welt, voller schrulliger Charaktere und fantastisch trockenem Humor. Das Ganze mit einer lakonischen Ernsthaftigkeit von Jürgen von der Lippe vorgelesen, dass es eine einzige Freude ist. Ich möchte nicht wissen, wie oft er manche Stellen lesen musste, um das so seriös hinzukriegen. Ein wirkliches Vergnügen!

 

Schauen

Schorsch Aigner

Schorsch Aigner ist Franz Beckenbauer. Olli Dittrich ist Schorsch Aigner. Und Schorsch Aigner ist grandios. Dittrich hat ja schon früher spitzenmäßige Beckenbauerparodien abgeliefert, aber das ist sein Meisterstück und geht weit über eine „simple“ Parodie hinaus. Wie da reale Szenen, echte Bilder und Wegbegleiter vom Kaiser mit ins Boot geholt werden, um daraus diese Story zu stricken, das ist einfach Weltklasse.

Ich hatte das Glück, die Sendung zufällig im WDR zu sehen. Davor lief sie in der ARD auch schon, und in der Mediathek der ARD ist sie glücklicherweise auch noch zu finden. Es ist ein echtes Schmankerl!

 

Hören

Und dann war da auf einmal noch das hier (Video inkl. schöner Anekdoten zu Beginn):

Mir nichts dir nichts hauen die Stereophonics eine Hymne raus, die sich gewaschen hat. Klar der Song des Monats, wenn nicht noch mehr. In Sachen Catchyness dürfte da jedenfalls nur schwer ranzukommen sein! Ich kann kaum noch aufhören, das zu hören.